Takamichi
Endlich läutete der Postmann an der Tür und überreichte Sarah das Paket, auf das sie schon so sehnsüchtig gewartet hatte. Sie hatte an einem Bärentausch teilgenommen und einen Bären nach Deutschland geschickt, wofür sie nun endlich den lang erwarteten Takamichi erhielt. Neugierig und voller Spannung riss sie das Paket auf und befreite ihren neuen Teddybären aus der Schachtel. Er war sehr liebevoll verpackt und hatte in der Schachtel auch viel Polstermaterial gehabt, damit ihn die lange Reise nicht so anstrengen sollte, aber er war dennoch sehr ermattet, als er endlich heraus konnte. Sarah war begeistert und quietschte vor Freude. Sicher, sie hatte schon ein paar Vorabfotos bekommen, aber die Realität übertraf jetzt alles. "Du bist ja noch goldiger, als auf den Fotos!", rief sie entzückt aus, "Du musst mir unbedingt alles erzählen! Von der Reise, den anderen Teddybären, von Patty und – ja, einfach alles!" Takamichi sah sie müde an, "Sicher doch, ich werde dir alles haarklein berichten, aber zunächst könnte ich eine Mütze Schlaf vertragen. Ich leide noch ein wenig unter dem Jetleg." Sarah hatte vollstes Verständnis dafür und legte ihn erst einmal in ein kleines Puppenbettchen. "Ich muss jetzt auch los, schlaf dich erst mal aus und wenn ich wiederkomme, dann erzählst du mir alles, ja?" Takamichi nickte nur kurz, dann war er auch schon eingeschlafen.

Die nächsten Wochen liefen immer nach dem gleichen Muster ab. Takamichi musste von Deutschland, den anderen Djin-Dji's und von Patty erzählen und Sarah erzählte ihm von Amerika. Jedesmal, wenn sie das Haus verliess, nutzte Takamichi die Gelegenheit um auszufliegen. Besonders hatten es ihm die Rocky Mountains angetan und so passierte es eines Tages, dass er die Zeit vergass und zu spät zurückkehrte. Sarah suchte ihn voller Verzweiflung im ganzen Haus, doch er war nirgendwo zu finden. Als Takamichi durch das offen Fenster wieder einflog, sah er die verzweifelt suchende Sarah. "Hier bin ich!" rief er ihr schuldbewusst zu. Sarah fiel ein Stein vom Herzen, als sie ihren Teddy wohlbehalten zurück hatte. "Wo warst du denn, ich hab dich schon überall gesucht, Mensch ich mach mir doch Sorgen, das kannst du doch nicht mit mir machen!" Schuldbewusst sah Takamichi Sarah an, das wollte er nicht und so versuchte er, es ihr zu erklären: "Weisst du Sarah, es ist eine weitverbreitete Meinung, dass wir Teddybären tote Gegenstände sind, auf denen man seine Sorgen, Ängste und seinen Frust unbegrenzt abladen kann und dass uns das nichts ausmacht, aber das stimmt nicht. Wir lieben unsere 'Besitzer' und es macht uns sehr traurig, wenn es ihnen nicht gut geht, aber es ist unsere Aufgabe, ihnen all dies abzunehmen und so dürfen wir uns nichts anmerken lassen. Das kann aber ganz schön an die Substanz gehen. Ich wurde in Deutschland in einer Glücksgeode positiv aufgeladen, um dieser Aufgabe gerecht zu werden, aber so wie bei einem Auto mal der Tank leer ist, ist es bei mir ähnlich. Ich brauche dann die Ausflüge als Ausgleich, um wieder positive Energie zu tanken." Sarah lauschte andächtig seinen Worten, so hatte sie das noch nie betrachtet, aber es leuchtete ihr ein und jetzt, da sie von seiner 'Schwäche' für das Fliegen wusste, ängstigte sie sich auch nicht mehr so, wenn Takamichi mal wieder die Zeit vergass.

Es war Sarah's Geburtstag, als sie nach Hause kam und Takamichi wohl mal wieder einen seiner ausgedehnten Ausflüge machte. Gerade als sie "Typisch Takamichi" dachte, kam er auch schon durch das Fenster geflogen. Er hatte zwei Blüten dabei und überreichte sie Sarah. "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!" sagte er und grinste über das ganze Teddygesicht. Sarah war gerührt und drückte den kleinen Teddybären fest an ihr Herz. "Ich danke dir, mein kleiner Freund", sie musste schlucken um nicht vor lauter Rührung los zu weinen.

Zum Geburtstag erschienen zahlreiche Freundinnen von Sarah, einige brachten sogar Teddybären mit. Eine ihrer Freundinnen war Takamichi jedoch nicht geheuer. Er hatte irgendwie ein ungutes Gefühl bei ihr und so folgte er ihr auf Schritt und Tritt und liess sie keinen Augenblick aus den Augen. Selbstverständlich passte er dabei genau auf, nicht entdeckt zu werden. Da er nur 12cm gross und dazu noch grün war, fiel es ihm aber auch nicht schwer, sich zwischen Sarah's zahlreichen Pflanzen immer wieder passende Verstecke zu suchen. Dann endlich, die Geburtstagsfeier war fast zu Ende, als er beobachtete, wie diese Freundin einen von Sarah's Tauschbären einsteckte und stehlen wollte. Das geht jetzt aber entschieden zu weit!, dachte sich Takamichi und beschloss die Freundin zur Rede zu stellen. "Findest du das jetzt gut?", fragte er vorwurfsvoll, nachdem er sich dirkt vor ihr aufgebaut hatte, "Die Freundin bestehlen, noch dazu, wenn man zu ihrem Geburtstag eingeladen ist! Warum tust du sowas?" Erschrocken trat das Mädchen einen Schritt zurück. "Ich weiss auch nicht", stammelte sie, "es ist nur... weil... nun, ich hätte eben auch gerne einen Teddybären und der hier sah so traurig aus, zwischen all den anderen Tauschbären." Takamichi wurde plötzlich ruhiger. Er wäre kein Teddybär, wenn er jetzt nicht in irgendeiner Weise Verständnis hätte. "Jetzt packst du erst einmal den Bären zurück und dann erzähle ich dir mal etwas über Teddybären." Hecktisch setzte sie den kleinen Tauschbären zurück in das Regal und war froh, dass es ausser Takamichi niemand mitbekommen hatte. "So," sagte Takamichi, als sie zurück gekehrt war, "jetzt verrat mir erst einmal deinen Namen, ich möchte dich ja nicht mit 'Diebin' anreden müssen." "Lissy", antwortete das Mädchen beschämt. "Also gut, Lissy, dann will ich dir mal etwas über uns Teddybären erklären. Einen Teddybären kann man nicht kaufen, geschweige denn stehlen. Ein gekaufter oder gar geklauter Teddy ist einfach nur ein Stofftier. Ein Teddy wird erst dann zum Teddy, wenn er mit Liebe verschenkt wird, verstehst du? Du hast doch in drei Tagen selber Geburtstag, da wünsch dir doch von Sarah einen Teddybären. Wenn sie dir dann Einen schenkt, dann hast du wirklich einen Teddy und nicht einfach nur ein Stofftier." Als Sarah am nächsten Tag nach Hause kam, sagte sie zu Takamichi, dass Lissy sie zu ihrem Geburtstag eingeladen hätte und sich einen Teddy wünschen würde. Wie schön, grinste Takamichi innerlich, sie scheint es verstanden zu haben. "Ich habe eigentlich an dieses Bärchen gedacht, es schaut so traurig, zwischen all den anderen Tauschbärchen", sagte Sarah mit einem Zweifeln in der Stimme, "es würde ihm vielleicht bei Lissy besser gefallen, aber auf der anderen Seite, ein so traurig dreinschauendes Bärchen zum Geburtstag schenken? Sag du doch mal was!" Takamichi konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. "Ich denke," sagte er, der in dem Bärchen genau den Bären wiedererkannte, den Lissy noch am Vortag stehlen wollte, "du hättest keine bessere Wahl treffen können!"

© by Martin A. Floessner
Zurück
©My Little Miracles