Richard contra Playstation
Es waren die letzten Tage der Weihnachtsferien und Joshua hatte sich nichts mehr als eine Playstation zu Weihnachten gewünscht, doch der Gabentisch blieb leer. Es brach seinem Vater das Herz, aber da er nun bereits im dritten Jahr arbeitslos war, hatte er seine liebe Last damit, von den paar Hartz-4-Kröten seiner Familie etwas zu essen kaufen zu können. An Weihnachtsgeschenke war da beim besten Willen nicht mehr zu denken. Traurig schlenderte Joshua durch die winterlichen Strassen und untersuchte eine Mülltonne nach der anderen. Vielleicht hatte ja jemand eine neue PSP3 zu Weihnachten bekommen und nun das veraltete Vorgänger-Modell weggeworfen, doch er suchte vergebens. Er musste wohl, wenn die Schule wieder beginnt und die anderen ihre Weihnachtsgeschenke präsentieren und fragen, was er denn bekommen habe, mit "Nichts!" antworten und die erstaunten Gesichter genauso ertragen, wie die anschliessenden Sticheleien. Er wollte gerade wieder nach Hause gehen, als er in einer Mülltonne einen alten Teddybären fand. Er war schmuddelig, etliche Male geflickt und die Gelenke waren schon mächtig ausgeleiert. Enttäuscht nahm er den Teddy aus der Mülltonne, "besser als nichts, aber nicht viel besser" murmelte er zu sich und schlenderte nach Hause.

Auf halbem Weg begegnete er Rolf, einem Jungen aus seiner Klasse, sein Vater hatte eine kleine Computerfirma und Rolf hatte immer nur das Beste und Teuerste. Ausgerechnet ihm musste er jetzt begegnen und ausgerechnet mit diesem abgewrackten Teddy! "Hallo Joshua!" begrüsste ihn Rolf freudig, doch Joshua entgegnete nur ein trauriges "Hi, Rolf". Rolf ignorierte die traurige Begrüssung und rief nur entzückt "Uhii, ein Teddybär!" aus, als er den Teddy unter Joshuas Arm erspähte. "Ja, ein Teddy, aber ein ganz alter, dreckiger und kaputter Teddybär", entgegnete Joshua traurig, doch Rolf liess sich dadurch in keinster Weise beeindrucken, "Na und? Hör mal, Dein Vater ist arbeitslos und von dem, was ihr im Monat habt, kämen wir nicht mal eine Woche rum. Da ist so ein Teddybär, auch wenn er alt und abgenutzt ist, doch etwas ganz besonderes. Ausserdem, es ist eben ein Teddybär, sowas hat Seele. Ich wollte auch immer einen haben, von mir aus auch einen ganz alten, egal, Hauptsache ein Teddybär, aber ich kriege immer nur Computer, Computerspiele, Roboter und lauter so einen toten Mist!" Joshua schaute ihn ungläubig an, meinte er das jetzt ernst, oder wollte er sich über ihn lustig machen? Rolf sah in Joshua's ungläubig dreinschauende Augen, "Du kapierst es wohl nicht, oder? Wenn du traurig bist, oder Wut hast, oder dir sonst wie eine Laus über die Leber gelaufen ist, ja meinst du, du könntest dich an einem Computer mal so richtig ausheulen? Da kannst du höchstens Aggressionen abbauen, Aggressionen, die du gar nicht erst hättest, wenn du dich hättest bei einem Teddybären ausheulen können." Joshua grübelte, so hatte er das noch gar nicht betrachtet, "trotzdem", sagte er, "mit einer Playstation kann man viel besser und viel mehr spielen, als mit so einem Teddy!" Rolf zog seine nagelneue Playstation 3, die er zu Weihnachten bekommen hatte aus der Tasche, "wenn du meinst, ich habe eine zu Weihnachten bekommen, wenn du willst, wir können ja tauschen!" Rolf konnte nicht ganz bei Trost sein, doch ehe er sich eines besseren besann, galt es zu handeln! "Klar, hier ist der Teddy!" Die beiden Jungen vollzogen den Tausch und Joshua hüpfte überglücklich mit seiner neuen Playstation nach Hause. Rolf nahm seinen Teddy liebevoll in den Arm und ging seinerseits nach Hause, er hatte einen, materiell ausgesprochen schlechten Tausch gemacht, aber dennoch, er hatte so ein wohlig warmes Gefühl in der Herzgegend und war sich sicher, im Grunde genommen der Gewinner bei diesem Tausch gewesen zu sein.

Zuhause angekommen blickte sein Vater ganz erstaunt auf den schmuddeligen Teddybären, den Rolf da im Arm hielt. "Wo hast du denn diesen vergammelten Teddy aufgesammelt?" wollte er wissen und als ihm Rolf antwortete, dass er ihn gegen seine Playstation getauscht habe, fiel dem Vater alles aus dem Gesicht. "Bist du noch bei Sinnen? Weisst du, was so eine Spielekonsole kostet? Und du tauschst sie gegen so einen kaputtenen Teddy ein? Du gehst jetzt auf dein Zimmer und rührst dich bis zum Abendessen nicht mehr da raus und der Teddy bleibt hier! Was hast du dir bloss dabei gedacht?!" Rolf sah seinen Vater nur kurz an, "Ich habe mir gedacht, dass ich Joshua bei diesem Tausch eigentlich ganz schön über den Tisch gezogen habe", antwortete er, drückte seinem Vater den Teddy an die Brust und ging wortlos auf sein Zimmer. Der Vater nahm den Teddy mit in sein Arbeitszimmer und setzte ihn fassungslos vor sich auf den Schreibtisch. "Was ist bloss in den Jungen gefahren, dass er seine Spielekonsole gegen dich eintauscht?" murmelte er zu dem Teddy. "Nun", sagte der Teddy, "wenn du Ängste oder Sorgen hast, an wen wendest du dich? Und an wen wendest du dich, wenn du einfach nur traurig bist?" Verdutzt schaute der Vater auf den Teddy, doch ohne auf die Tatsache einzugehen, dass dieser Teddy plötzlich sprach, antwortete er wie mechanisch "Na, an meine Frau, an wen sonst?" Doch der Teddy liess nicht locker, "Rolf ist aber noch unverheiratet, wie das in dem Alter nun einmal ist, er hat keine Ehefrau, an die er sich wenden kann!" "Aber er hat Eltern!", trotzte der Vater. "Und du hast dich mit allem stets an deine Eltern gewandt?" fragte der Teddy stichelnd nach. "Naja, mit allem nicht, dafür hatte ich dann ja.....", nun stockte dem Vater die Stimme. "Dafür hattest du ja deine Spielekonsole?" fragte der Teddy stichelnd nach, indem er den Satz auf diese Weise vervollständigte. Ohne auf diese Frage einzugehen, fragte der Vater nur "wer bist du?" "Ich bin Richard", antwortete der Teddybär, "und du bist ein Vater, der jetzt etwas ganz dringendes zu erledigen hat, denke ich!" Mit einem Satz sprang der Vater auf, schnappte sich den Teddybären und eilte hinauf in Rolf's Zimmer. "Hier hast du deinen Richard", platzte er geradewegs heraus und drückte seinem verblüfften Sohn den Teddy in die Arme, "und hier sind fünfzig Euro! Du ziehst jetzt auf der Stelle los und kaufst dem Joshua einen neuen Teddybären, klar? Es gehört sich nicht, seine Klassenkameraden so über's Ohr zu hauen, nur weil sie arm sind!"

© by Martin A. Floessner
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