Little Pumpkin
Es war ein sonniger Tag, Ende Mai, als Dagmar vom Notar den Brief erhielt, worin stand, dass ihr Grossvater verstorben sei und sie nun seine Besitztümer erben solle, da sie nach dem Tode ihres Vaters die letzte Nachkommin war. "Opa Walter", brummelte sie vor sich hin, sie hatte absolut keine Erinnerung an ihn. Ihre Eltern haben ihn nie besucht, sie sagten er sei ein unzufriedener Eigenbrödler, der auf seiner Burg hauste und immer grisgrämig dreinschauen würde. Auch sie hatte ihn später nie besucht, wenn sie es in Erwägung zog, warnten ihre Eltern sie davor, als wenn er die Pest haben würde. Nun war es auf jeden Fall zu spät, Opa Walter war tot.

Am nächsten Morgen ging Dagmar zu dem Notar, um das Testament eröffnen zu lassen. Der Notar leierte den Einleitungstext des Testaments in einem eintönigen Singsang wie die katholischen Geistlichen ihre Literneien herunterleiern. Dann kam der eigentliche Teil, "...hinterlasse ich meiner Enkelin Dagmar meine Burg, nebst Ländereien und alles, was sich in der Burg befindet. - Wollen sie das Erbe antreten, oder lieber ausschlagen?" Ausschlagen? Wieso sollte man so ein Erbe ausschlagen wollen? Dagmar war ohnedies anders geartet als ihre Eltern, ihr Vater hatte in einem Chemiekonzern eine Führungsposition und ihre Mutter war Professorin an der Universität in Tübingen, sie hingegen träumte immer davon, auf einem alten Gehöft zu leben und alles selbst anzubauen, was man so zum Leben braucht. Jetzt hatte sie die Möglichkeit, diesen Traum wahr werden zu lassen, warum sollte man so ein Erbe ausschlagen wollen? "Um wieviel Land geht es eigentlich?" fragte sie den Notar. "Um etwas mehr als 10 Hektar", antwortete der Notar ohne eine Regung in der Stimme, als er jedoch Dagmar's glänzende Augen sah, fügte er noch hinzu, dass dieses Land unfruchtbar sei, es wachse dort seit 'zig Jahren schon nichts mehr, nicht einmal Unkraut und die Burg selber sei verflucht, so jedenfalls die einhellige Meinung der dortigen Bevölkerung. "Es wäre sicherlich gesünder, wenn sie das Erbe ausschlagen würden. Ihr Grossvater wurde zwar nicht ermordet, dennoch war sein Tod sehr mysteriös, genauso, wie der ihres Urgrossvaters, ihres Ururgrossvaters, ihres Urururgross..." "Das sind jetzt genug Uhren!", unterbrach ihn Dagmar, "und wenn sie und die Bevölkerung an Flüche glauben, ich tue es jedenfalls nicht und nehme das Erbe an! Basta!" Der Notar füllte einige Blätter Papier aus und damit war Dagmar ab sofort 'Burgfräulein'.

Sie fackelte auch gar nicht lange und fuhr gleich im Anschluss hinaus zu dieser mysteriösen Burg. Sie fuhr durch ein malerisches Tal und überall hatte es saftige Wiesen und blühende Landschaften. "Brille? Fielmann!" lachte Dagmar, als sie in Erinnerung an die Worte des Notars den Werbeslogan aufsagte. "Von wegen unfruchtbar, und verflucht genauso wenig!" Doch kaum hatte sie 'ihre' Ländereien erreicht, war es mit dem Wachstum aus. Der Boden war grau und es spross wahrhaftig nicht ein einziger Halm. "Hmm, das ist allerdings seltsam", sprach Dagmar zu sich selbst und steuerte ihren Wagen auf die alte Burg zu. Als sie in die Burg eintrat, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Da hingen edle Wandteppiche an den ewig hohen Wänden und teure Orientteppiche lagen übereinander auf dem Boden. Die Gänge waren mit wertvollstem Kunsthandwerk geschmückt und es war keine Frage, dass es sich bei dem Material um echtes Gold und echte Edelsteine handelte. Über den Wert der Gemälde traute sie sich schon gar nicht mehr nachzudenken. "Kein Wunder, dass die hier bei dem Reichtum den Acker unbestellt gelassen haben", schlussfolgerte sie.

Den ganzen Tag verbrachte Dagmar nun damit, ihre Ländereien und ihre Burg ausführlich zu besichtigen und wahrhaftig, auf dem gesamten Anwesen wuchs nicht ein einziger Grashalm. Dafür entdeckte sie aber immer mehr Schätze innerhalb der Burg. Dagmar kam zu dem Ergebnis, dass das Land erst einmal ordentlich mit Dünger und einer effektiven Bewässerungsanlage versehen werden müsse, damit dort wieder etwas wachsen kann. Genug Geld hierfür war ja vorhanden, wenn man das Eine oder Andere verkaufen würde. Dagmar beschloss, das alles einmal durch zu planen und ging in die Kellergewölbe hinunter, um sich eine Flasche Sherry zu holen, um sich anschliessend im Arbeitszimmer an die Planung zu machen. Sie hatte gerade die Flasche aus dem Regal gezogen, als ein leichenblasser Mann vor ihr auftauchte und sie mit einem Knüppel bedrohte, dann aber wieder durch die geschlossene Wand verschwand. Dagmar versuchte sich durch wildes Kopfschütteln in den Wachzustand zurückzurufen, als sie einen Luftzug spürte. Erschrocken drehte sie sich um und sah eine alte Frau, die nur stumm den Kopf schüttelte und wieder verschwand. "Hey!", brüllte Dagmar in die Kellergewölbe hinein, "es gibt keine Gespenster! Merkt euch das. Und selbst wenn, dann schaut mal auf eine der vielen Uhren! Geisterstunde ist erst in drei Stunden." Hastig nahm sie ihre Flasche und verliess den Keller, so schnell sie konnte. Im Arbeitszimmer angekommen fühlte sie sich sicher und setzte sich, erschöpft von dem Spurt, an den grossen Schreibtisch. Sie wollte sich gerade ein Glas Sherry einschenken, als drei abgemagerte Männer durch die Wand eintraten. Sie bluteten stark aus diversen Wunden und sahen sie anschuldigend an. "Meine Herren", sagte sie und versuchte es nach einem Scherz klingen zu lassen, denn es wäre ja geradezu absurd, wenn man wirklich mit Gespenstern sprechen wollte, wo doch jeder weiss, das es keine Gespenster gibt, "sehen sie doch bitte mal auf die Uhr. Sie sind drei Stunden zu früh! Wenn sie mich dann bitte entschuldigen würden?" Dagmar zeigte mit dem Finger auf die grosse Standuhr, doch deren Zeiger wanderten im Eiltempo auf Mitternacht und die Uhr begann 12 mal zu schlagen. Die Männer zeigten auf ihre Wunden und verschwanden, während die Standuhr wieder auf die wirkliche Uhrzeit zurücklief. Dagmar patschte sich mit der flachen Hand auf die Backe, "alles Unsinn, wach auf, Dagmar!" sprach sie zu sich selbst, als ihr Blick auf einen seltsamen Teddybären fiel. Es war kein Teddybär, wie man ihn gemein hin kennt, es war ein grüner Bär mit einem orangefarbenen Kopf, einer Spinne um den Hals und einer Art Hexenhut auf dem Kopf.

"Nicht zu fassen, selbst die Teddybären sind hier völlig durchgeknallt!" Dagmar schüttelte ungläubig den Kopf und nahm den Teddybären in die Hand. "Wieso durchgeknallt?", wollte der Teddy wissen. "Na, weil du eben nicht so aussiehst, wie ein Teddybär eben normalerweise aussieht. Wie heisst du eigentlich?", antwortete Dagmar, als wäre es absolut normal, zu einem Teddy zu sprechen. "Ich heisse Little Pumpkin und jeder Teddy hat seinen Aufgaben entsprechend eben sein Outfit. Die Teddys, die du als 'normal' bezeichnest, sollen vor Alpträumen schützen, Ängste nehmen, Glück bringen, bei der Genesung helfen etc. Genauso sehen sie dann auch aus. Ich muss hier mit Geistern und Flüchen kämpfen, entsprechend ist mein Aussehen." Dagmar sah den kleinen Teddybären mitleidig an, er schien tatsächlich den ganzen Quatsch zu glauben. "Little Pumpkin, das ist doch Unsinn. Es gibt keine Gespenster und dieser angebliche Fluch... das sind doch Ammenmärchen!" Little Pumpkin legte den Kopf schief, "aber sprechende Teddybären, die sind ganz natürlich, oder wie?" fragte er schliesslich. Dagmar stockte der Atem. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie mit einem Stofftier sprach. "Ähm nein, eigentlich nicht, aber... ich versteh das alles nicht. Bis gestern war mein Leben absolut normal; es gab keine Gespenster, keine Flüche, Teddybären sassen stumm im Regal und jetzt das hier. Die halten sich ja noch nicht einmal an die Geisterstunde!" Der kleine Teddy musste lachen, "also das einzige, was wirklich ein Ammenmärchen ist, ist der Quatsch mit der Geisterstunde. Es sind auch keine Gespenster, denn die gibt es wirklich nicht, es sind die Geister der Verstorbenen, die wir hier als die Untoten bezeichnen." "Vampire??", rief Dagmar entsetzt aus. "Nein, keine Vampire, auch das sind Märchen. Die Geschichte wird etwas länger, damit du sie verstehst. Nimm deinen Sherry und lass uns in die Ahnengalerie gehen. Dort werde ich dir die ganze Geschichte erzählen."

Dagmar nahm die Flasche Sherry in die eine Hand und das Glas in die andere, den Teddy stopfte sie in die Hosentasche. "Hey, lass mich hier wieder raus, ich bin doch kein Stofftier!" Vorsichtig holte sie ihn wieder aus ihrer Tasche hinaus und war jetzt gespannt, wie ein Stofftier in die Ahengalerie gelangen wollte. "Teddybär, nicht Stofftier", korrigierte Little Pumpkin ihren Gedanken und stiess einen Pfiff aus, den eine riesige Spinne zum Anlass nahm, herbeigeeilt zu kommen. "Wir haben zwar leider nur Bastelwatte, wo eigentlich Muskeln angebracht wären, aber wir haben dennoch unsere Fortbewegungstechniken!" erklärte ihr Little Pumpkin und nahm auf der Spinne Platz, die ihn nun in Windeseile in die Ahnengalerie trug. Es war ein wahnsinnig grosser Raum, so gross, wie bei den meisten Leuten die ganze Wohnung. Little Pumpkin liess sich von der Spinne auf den Tisch, in der Mitte des Raumes, tragen und begann, wie ein Fremdenführer, mit der versprochenen Geschichte über diese mysteriöse Burg.

"Hier siehst du alle Ahnen, die einst in dieser Burg gelebt haben, angefangen hier ganz links mit dem Landgrafen von und zu Stolzenfels, er war der Gründer und Erbauer dieser Burg. Über viele Generationen hinweg, gehörten die Burgherren zum wohlhabenden Landadel. Vor etwa 260 Jahren übernahm er hier", Little Pumpkin zeigte auf ein Gemälde, das etwa in der Mitte der Galerie hing und einen kleinen gedrungenen Mann zeigte, "das Regiment. Karl-Louis der Zweite. Er war ständigem Spott wegen seiner Grösse und Figur ausgesetzt und hatte auch bei den Frauen wenig Erfolg. Nun, Karl-Louis der Zweite kompensierte das mit Grausamkeit. Er knechtete die Bauern, die sein Land bestellten und wenn sie nicht genug abgaben, dann kam er mit seinem Rollkomando und schreckte vor keinerlei Gewaltanwendung zurück. Die Abgabe des zehnten Teils war üblich, er jedoch liess ihnen nur den zehnten Teil. Seit dieser Zeit ist diese Burg gestopft mit allen nur erdenklichen Reichtümern. Aber nicht genug, dass nur Blut an diesem Reichtum klebt, es kam, dass er eines Tages an die falsche Familie geriet. Sie zahlten zwar zunächst, aber es waren, wie soll ich sagen, so etwas wie Hexer. Sie beriefen eines Abends alle Bauern zu einer Sitzung zusammen und belegten diese Burg mit einem Fluch. Seit diesem Tage wächst hier auf den Ländereien kein Grashalm mehr und wer versucht, irgendetwas dieser Kostbarkeiten zu verkaufen, der stirbt eines mysteriösen Todes. Aber sie haben bei ihrem Fluch eines nicht bedacht: Alles, was negativ ausgesendet wird, kommt auch negativ zurück. Alle Teilnehmer dieser Sitzung fanden nach ihrem Tode keine Ruhe und spuken seitdem hier durch die Burg. Deshalb nennen wir sie die 'Untoten', die nach wie vor mit Beschwörungsformeln uns das Leben schwer machen. Ich kann den Fluch nicht aufheben, ich kann nur die Attacken abwehren. Deshalb mein, für dich ungewohntes, Aussehen." Das klang jetzt aber alles mehr als verrückt, aber auf der anderen Seite, eine Wüste inmitten blühender Landschaften, Geister in den Kellergewölben, ein sprechender Teddybär, der auf einer Spinne reitet, das war mindestens genauso verrückt und sie hatte es erlebt. "Kann man denn den Fluch nicht irgendwie aufheben?", fragte sie schliesslich. "Kann man", antwortete der Teddy, "aber wenn ich dir sage wie, dann bleibt er für immer bestehen. Ich kann dir nur Tips geben. Deine Vorfahren waren grisgrämig, sie fanden die Lösung nicht. Hör auf dein Herz und folg ihm geschwind, auf dass dein Gewissen die Macht übernimmt." Dagmar seufzte einmal kurz auf, dann sagte sie: "Das mache ich. Morgen! Jetzt brauch ich erst einmal eine Mütze Schlaf. Das alles war doch ein wenig viel auf einmal." Little Pumpkin nickte zustimmend, "mach das, ich passe derweil auf, das kein böser Zauber dir den Schlaf rauben kann."

Am nächsten Morgen stand Dagmar recht früh auf und nahm ihr Frühstück im Arbeitszimmer der alten Burg ein. Was sollte sie jetzt tun? Die Dünge- und Bewässerungsaktion konnte sie vergessen, denn was passieren würde, wenn sie einige der Schätze dafür verkaufen würde, hatte ihr Little Pumpkin ja am Vortag klar gemacht und wenn es auch verrückt klang, es sprach mehr dafür, dass es die Wahrheit war, als das, was dagegen sprechen würde. Mit dem Land konnte sie nichts anfangen und die Schätze brachten auf der einen Seite kein Geld, auf der anderen Seite war sie nicht gewillt, ständig auf Reichtümer zu blicken, an denen Blut klebte. Nach reiflicher Überlegung kam sie zu dem Entschluss, die rechtmässigen Erben der einstigen Besitzer dieser Schätze ausfindig zu machen und ihnen diese zurück zu schicken. Verkaufen endet tödlich, aber von zurückgeben war nicht die Rede. Wenn das ganze Zeug weg wäre, dann wäre die Burg zwar ziemlich leer und das Land immer noch karst, aber man könnte ja vielleicht Abenteuerurlaub in einem echten Spukschloss oder so etwas anbieten.

So machte sich Dagmar an die Arbeit. Wochenlang recherchierte sie Tag und Nacht im Internet und den Kirchenbüchern, bis sie alle Nachfahren ausfindig gemacht hatte. Little Pumpkin beobachtete ihr Treiben mit einem wohlwollenden Lächeln, aber Dagmar war so beschäftigt, dass sie dieses Lächeln nicht bemerkte. Nun ging es ans Verpacken und Adressen aufkleben. Es war eine Wahnsinnsarbeit und erst jetzt wurde ihr bewusst, wieviel ihr Vorfahre da ergaunert hatte und welches Leid er dabei über die Menschen gebracht haben musste. Als auch diese Arbeit beendet war, kam der letzte Schritt, das Verschicken. Eine nicht enden wollende Kolonne von Paketdienstfahrzeugen traf sich auf dem Vorplatz der Burg ein und verluden die unzähligen Kisten und Kartons. "Schon merkwürdig", sinnierte Dagmar, wieder im Arbeitszimmer angekommen und auf die leeren Wände und Regale starrend, "anstatt das dicke Erbe anzutreten, habe ich nun fast all meine Ersparnisse in den Rachen der Paketdienste geworfen und trotzdem fühle ich mich gut dabei!" Little Pumpkin grinste sie zufrieden an, "Da hast du auch allen Grund dazu. Diese Ländereien waren einstmals die Fruchtbarsten der ganzen Region. Jetzt, nachdem du mit deinem Handeln, ohne es zu wissen, den Fluch gebrochen hast, wird dieses Land auch wieder das Fruchtbarste weit und breit sein und die Untoten werden endlich ihre Ruhe finden. Glückwunsch, deinem Kindheitstraum steht nun nichts mehr im Wege!"

© by Martin A. Floessner
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