Der kleine *Peppermint*
In einem kleinen Dorf am Waldesrand, lebten zahlreiche Teddybär Familien seit Generationen in Frieden und Eintracht. Sie hatten auch seit Generationen immer den gleichen Rythmus; im Frühjahr kamen die Jungen zur Welt, im Sommer wurde das Leben genossen, im Herbst Vorräte gesammelt, im Spätherbst Winterspeck angefuttert und im Winter kam der Winterschlaf. So ging es seit Jahrhunderten, bis bei einer Djin-Dji-Familie das fatale Unglück passierte. Sie bekamen noch einmal im Spätsommer Nachwuchs. Es war ein mintgrüner, kleiner Teddybär, den sie auf Grund seiner Fellfarbe *Peppermint* tauften. Als Peppermint zu laufen begann, wollte er, wie alle jungen Teddybären, so gerne mit anderen, jungen Teddys spielen, doch die waren nun ja bereits alle schon um einiges älter als er und liessen ihn nicht in ihre Mitte. "Lasst mich doch bitte mitspielen!" flehte Peppermint die anderen an, doch sie lachten ihn nur aus. "Wir spielen doch nicht, wir sind doch keine Babys mehr! Wir sind cool!" riefen sie ihm zu und lachten weiter über den kleinen Teddy. "Ich könnte doch vielleicht auch cool sein", warf Peppermint zaghaft ein, doch der verächtliche Blick, den die anderen Teddys ihm zuwarfen, schmerzte mehr als hundert Messerstiche. "Du? Cool? Wer mit einem Schnuller um den Hals herumläuft ist nicht cool, der ist ein Baby! Du bist doch noch ganz grün hinter den Ohren!" Die Teddy-Bande lachte sich förmlich kaputt über ihren eigenen Witz und Peppermint konnte es nicht verhindern, dass ihm eine dicke Träne aus den Augen glitt. "Jetzt flennt die Memme auch noch und sowas will cool sein!" hackten die anderen Teddys weiter in die verwundete Seele Peppermint's. Traurig betrachtete er nun seinen Schnuller, den er um den Hals an einem Bändchen trug, damit er ihn nicht verlieren konnte. Es stimmte ja schon irgendwie, so ein Schnuller um den Hals wirkt wirklich nicht besonders cool, aber in seinem Alter brauchte man eben noch einen Schnuller und man müsste doch auch mit Schnuller cool sein können. Peppermint schluchzte kurz auf, dann drehte er sich von den anderen weg und ging in sein privates Versteck.

Er hatte sich im Wald eine kleine Höhle aus Zweigen und Blättern gebaut, in die er sich in solchen Momenten zurück zog. Er verbrachte viele Stunden in seiner Höhle, weinte ab und zu und überlegte, wie man denn cool sein könnte, damit die anderen ihn aufnehmen würden, doch er kam zu keinem Ergebnis. Die Sonne war inzwischen schon fast vollständig untergegangen und Peppermint ging traurig tief in den Wald hinein. "Wenn mich keiner mag, dann haue ich eben ab!" schluchzte er vor sich hin, "Für immer!" fügte er noch trotzig, hysterisch hinzu. Als er tief in den Wald hineingelaufen war, die Sonne war längst untergegangen und der Mond warf nun sein fahles Licht in den Wald hinein, wurde Peppermint müde. Er fand eine alte Eiche, deren Stamm unten ausgehöhlt war und beschloss in deren Schutz zu übernachten. Es war das erste Mal, dass Peppermint alleine im Wald übernachtete und er fürchtete sich sehr, bei all den fremden und angsteinflössenden Geräuschen in der Nacht. "Wär ich bloss nicht von zu Hause fortgelaufen!" wimmerte er ängstlich vor sich hin, doch die Müdigkeit war stärker als seine Angst und so schlief er schliesslich ein.

Es begann gerade zu dämmern, als Peppermint durch eine warme Nase wach wurde, die ihn anstubbste. Es war ein Waldkaninchen, welches neugierig dieses mintgrüne Bärchen untersuchte. "Wer bist du denn? So ein Tier hab ich hier im Wald noch nie gesehen!" sprach es den kleinen Teddy an. "Ich bin Peppermint. Ich bin ein Teddybär. Wir leben eigentlich am Waldesrand, aber weil ich noch ein Baby bin, will keiner mit mir spielen und da bin ich fortgelaufen." Interessiert hörte sich das Waldkaninchen die Geschichte an. "Du bist ganz alleine in den Wald gelaufen und hast hier übernachtet? Cool! Das ist wirklich cool!" Peppermint's Augen begannen zu leuchten. Wie war das? Er war cool? Er konnte es kaum glauben, doch bevor er weiter nachfragen konnte, erschütterte der Knall eines Gewehrs die Ruhe des Waldes. "Die Jäger kommen! Rette sich wer kann! Los, bring dich in Sicherheit!" rief das Kaninchen und verschwand blitzartig im Wald. Jäger? Was um alles in der Welt sind Jäger und warum rennt sein neuer Freund so schnell und ängstlich davon? Peppermint's Instinkt sagte ihm, dass er gut daran täte, auch das Weite zu suchen und so lief er in die Richtung, in der das Kaninchen verschwunden war. Keine hundert Meter weiter fand er dann ein grosses Loch im Waldboden. Das ist bestimmt ein gutes Versteck, dachte er sich und kroch tief in das Loch hinein. Am Ende des dunklen Ganges fand er sich schliesslich in einem kleinen Raum, unterhalb des Waldbodes wieder und in der Mitte des Raumes sass niemand anderes als sein Freund von vorhin, zusammen mit noch weiteren Kaninchen. "Da bist du hingelaufen", stellte Peppermint überrascht fest, "jetzt erzähl mal, was sind Jäger und warum habt ihr solche Angst vor denen?" Das Kaninchen liess die Löffel waagerecht zur Seite weghängen und erklärte ihm, dass Jäger Menschen seien, die mit Gewehren Kaninchen und andere Tiere des Waldes totschiessen und anschliessend fressen würden. Peppermint erschrak als er dies hörte und wurde im nächsten Moment sehr zornig. Endlich hatte er einen Freund gefunden, der ihn trotz seines Schnullers cool fand und nun wollte ihn jemand erschiessen und auffressen? "Na warte!" rief Peppermint erbost aus. Er kroch durch den Gang zurück an die Oberfläche; da, erneut ein Schuss! In geduckter Haltung schlich Peppermint in die Richtung, aus der der Schuss kam. Nach einer Weile konnte er die hämisch lachenden Jäger sehen, wie sie ihre "Beute" in ein Auto warfen. Peppermint musste sich beherrschen, wenn er nun unüberlegt handeln würde, dann wäre er bald selber "Beute". Er wartete geduldig hinter einem dichten Busch und beobachtete ihr Treiben. Sie holten etwas zu Essen und zu Trinken aus dem Auto und liessen sich in einem grossen Kreis nieder, ihre Gewehre lehnten sie hinter sich an einen Baum. "Ich geh mal kurz austreten!" sagte schliesslich einer der Jäger und verliess die Runde. Das ist jetzt die Gelegenheit, dachte sich Peppermint und robbte vorsichtig an den Baum heran, an dem der "ausgetretene" Jäger sein Gewehr angelehnt hatte. Seine mintgrüne Farbe kam ihm jetzt sehr zu Gute, denn so war er auf dem hellen Moos so gut wie nicht zu sehen. Endlich hatte er den Baum erreicht und keiner der Jäger hatte etwas bemerkt. Vorsichtig nahm Peppermint das Gewehr von dem Baum, legte es flach auf den Boden und zog es leise rückwärts robbend hinter sich her. In sicherer Entfernung begann er nun den "Schiessprügel" zu untersuchen. Das Ding hatte nur eine Öffnung, die musste wohl auf das Ziel gerichtet werden. Peppermint richtete die Öffnung in Richtung der Jäger, aber es passierte nichts. "Was mag das wohl für ein Hebel sein?" brummelte Peppermint vor sich hin und zog dabei an eben diesem Hebel. Ein ohrenbetäubender Knall und Peppermint flog mit samt dem Gewehr drei Meter weiter nach hinten. Als er sich wieder aufgerappelt hatte, sah er, wie die Horde Jäger vor Schmerzen schreiend umeinander sprangen und sich mit Pinzetten aus dem Verbandskasten des Autos, gegenseitig die Schrotkugeln aus dem Hintern zogen. "Fein!" jubelte Peppermint, "gleich nochmal!" ein zweiter Knall, diesmal gingen die Scheiben des Autos zu Bruch. "Nichts wie weg hier!" rief einer der Jäger und startete panisch das Auto. "Ja und auf nimmer Wiedersehn!", rief ein anderer. "Und nochmal!" ereiferte sich Peppermint, aber es tat sich nichts mehr. "Oh, oh! Das Ding scheint alle zu sein. Nix wie weg jetzt!" und so rannte er zu dem Kaninchenbau zurück und berichtete von seinem Abenteuer.

Peppermint war der Held des Tages und die Waldtiere liefen zusammen und gaben ein grosses Fest zu Ehren ihres Retters. Im "Teddydorf" herrschte unterdessen grosse Aufregung, weil Peppermint verschwunden war. Seine Eltern machten sich grosse Sorgen, während die anderen sie beschimpften, weil sie gegen den seit Generationen festgelegten Rythmus verstossen haben und "der Balg" jetzt womöglich den Jägern den Weg zum Dorf verrät. Gemeinsam machten sich alle Teddys des Dorfes auf den Weg in den Wald hinein um den Ausreisser zu suchen und um das Schlimmste zu verhindern. Als sie tief im Wald angelangt waren, hörten sie schon den ausgelassenen Lärm des Festes. Vorsichtig pirschten sie sich heran und sahen "ihr Baby" inmitten der ganzen Tiere des Waldes, die eine riesengrosse Party gaben. "Was ist denn hier los?" fragte der Dorfälteste, "seid ihr toll geworden? Mit dem Lärm lockt ihr sämtliche Jäger des Landes an!" Doch die Waldtiere beruhigten den Dorfältesten und seine Gefolgschaft und berichteten ihnen von der Heldentat ihres "Freundes". Ungläubig starrten sie alle auf Peppermint, der strahlend in deren Mitte sass. Am nächsten Tag sagten die jugendlichen Teddys des Dorfes Peppermint, dass sie einstimmig beschlossen hätten, ihn in ihre Mitte aufzunehmen, doch Peppermint legte nur den Kopf schief und sah sie der Reihe nach an. "Also, ich weiss nicht", sagte er, "ich bin mir nicht sicher, ob ihr mir cool genug seid!" Die jugendlichen Teddys stutzten, diese Reaktion war ja irgendwie verständlich und so drehten sie sich um und verschwanden. Kurze Zeit später kehrten sie aber zurück. Ein jeder von ihnen hatte nun einen Schnuller um den Hals hängen. "Doch," sagte Peppermint nachdenklich, "ich denke, so könnte es gehn!"

© by Martin A. Floessner
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