Louis und die widerspenstige
Teddyzähmung
Das neue Teddyschuljahr hatte gerade begonnen, als Maisha, ein Erdmännchen-Teddy, ins Teddydorf einzog. Auf die Frage des Ältestenrates, was er denn wohl in das Gemeinwesen einbringen wolle, antwortete er spontan, ohne zu überlegen, dass er an der Teddyschule gerne Naturwissenschaften unterrichten wolle. Diesem Wunsch folgte der Ältestenrat nur zu gerne, denn es fehlte an der Schule ohnedies an Lehrkörpern und so war sein Wunsch sehr willkommen. Bereits am nächsten Morgen machte sich Maisha voller Euphorie auf den Weg in die Schule.

Es ging ein Grinsen und Getuschel durch die Reihen der Schulteddies, als sich Maisha als neuer Lehrer der Klasse vorstellte, denn Maisha war alles andere, als eine Respektperson. Mit einem sportlichen Rückwärtssprung hüpfte Maisha auf den Stuhl vor dem Lehrerpult um seinem Schwanz den erforderlichen Schwung zu geben, hinter die Sitzfläche zu gelangen, damit er sich nicht darauf setzte. "Wir wollen uns heute einmal mit der Dampfmaschine befassen", eröffnete er den Unterricht, bzw. versuchte es, denn die Teddies waren viel mehr damit beschäftigt, über ihn und seinen lustigen Sprung zu tuscheln, als seinen Worten zu lauschen, "da stellt sich zunächst einmal die Frage, was eine Dampfmaschine überhaupt ist", setzte er seinen Unterrichtsversuch fort, "also, eine Dampfmaschine ist eine Maschine, die mit Dampf betrieben wird. Wie das funktioniert und was man damit alles machen kann, zeige ich euch am besten anhand eines funktionstüchtigen Modells." Maisha stellte das Modell einer Dampfmaschine auf das Lehrerpult und fuhr mit seiner Erklärung fort. "Also hier haben wir zunächst einmal den Kessel. Da kommt Wasser rein." Maisha füllte etwas Wasser aus seiner Mineralwasserflasche in den kleinen Kessel ein. "Unter dem Kessel befindet sich ein Brenner, der das Wasser so stark erhitzt, dass Dampf entsteht. Oh, ich habe das Benzin für den Brenner vergessen. Ich hole eben kurz aus der Chemie etwas Benzin. Ihr könnt euch in der Zeit Fragen überlegen, wenn ihr etwas nicht verstanden habt."

Die Teddybären hingegen dachten gar nicht daran, sich irgendwelche Fragen auszudenken, sie hatten eine ganz andere Idee. Flugs kippten sie das Wasser aus dem Kessel wieder aus und trockneten ihn mit Papiertaschentüchern. Dann schnitten sie ein paar Silvesterknaller, die sie noch vom letzten Feuerwerk übrig hatten, auf und füllten, statt des Wassers, das Schwarzpulver in den Kessel. Sie waren damit gerade fertig, als Maisha wieder in das Klassenzimmer trat. "So, jetzt füllen wir hier in den Tank des Brenners ein wenig Benzin und zünden den Brenner", erklärte Maisha, nachdem er sich wieder mit einem sportlichen Rückwärtshüpfer auf den Stuhl gesetzt hatte. "Jetzt warten wir, bis der Brenner das Wasser soweit erhitzt hat, das Dampf entsteht. Das erkennen wir hier an dem Druckmanometer." Die Minuten vergingen, aber der Druck wollte einfach nicht ansteigen. "Also gut, wir drehen den Brenner etwas grösser und dann..." In diesem Moment begann der Kessel auch schon an zu glühen und das Schwarzpulver, welches sich dadurch entzündete, zerriss mit einem lauten Knall, die Dampfmaschine in tausend Teile. "Und dann ist die Schule wegen Renovierungsarbeiten geschlossen!" rief einer der kleinen Teddybären und die ganze Horde rannte unter grossem Gelächter aus der Schule.

Als die Schule wieder in einen unterrichtbaren Zustand zurückversetzt war, startete Maisha einen neuen Unterrichtsversuch. "Nachdem die Dampfmaschine ja nun das Zeitliche gesegnet hat", begann er sofort, nachdem er durch die Klassenzimmertür kam, "befassen wir uns heute mit Wärme. Die bekanntesten Wärmequellen sind die Sonne und das Feuer. Befassen wir uns mit dem Feuer, welche Brennmaterialien kennt ihr?" fragte er und hüpfte, wie üblich, rückwärts auf den Stuhl, dessen Beine die kleine Rasselbande vorher angesägt hatte und der nun krachend unter ihm zusammen brach. "Kleinholz!" antwortete die Bande, gröhlend vor Lachen. Deprimiert verliess Maisha das Klassenzimmer und ging zum Rektor. "Ich wäre so schrecklich gerne Lehrer, aber ich werde den Rackern einfach nicht Herr. Sie machen mit mir gerade was sie wollen", jammerte er. Der Rektor machte ein nachdenkliches Gesicht und beschloss den Ältestenrat zu befragen. Dieser hörte sich aufmerksam die Geschichte an und bemühte sich, ein Schmunzeln zu vermeiden. Einer der Teddybären aus dem Ältestenrat hatte schliesslich die Idee, Louis zu befragen und so schickten sie nach ihm.

"Ich soll den Lehrer machen?" fragte er und seine Abneigung gegenüber diesem Amt war deutlich heraus zu hören. "Wir brauchen eine Respektperson, die diese Bande wieder zur Vernunft bringt", erklärte der Ältestenrat. Louis überlegte kurz, dann sagte er: "Also wenn ich euch richtig verstanden habe, dann möchte Maisha gerne Lehrer sein, kommt mit den Kleinen aber nicht klar und nun braucht ihr mich, der alles sein möchte, nur kein Lehrer, um die Bande wieder unter Kontrolle zu bekommen?" Der Ältestenrat nickte, "so in etwa haben wir uns das gedacht." Louis machte eine theatralische Schweigepause, dann sagte er mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht: "Ich glaube, das bekommen wir hin!"

So eröffnete Louis am nächsten Morgen den Unterricht. "Wir nehmen heute die Funktionsweise der Dampfmaschine durch", eröffnete er die Stunde in strengem Tonfall. "Aber das Modell ist doch kaputt!" wagte einer der kleinen Teddies einzuwerfen. "Man kann die Funktionsweise einer Dampfmaschine auch theoretisch erklären. Das bedeutet in der Praxis eine glatte Sechs für dich in Betragen, wegen vorlautem dazwischen Redens", reagierte Louis. "Wie ist der denn drauf?", tuschelte ein Bärchen, "nicht gut", antwortete sein Nachbar, "da können wir uns ja noch auf was freuen", jammerte ein anderes. "Maisha hat euch ja bereits die Funktionsweise soweit dargestellt, dann erklär sie uns mal", fuhr Louis fort und zitierte den kleinen Peppermint nach vorne. "Also hier ist ein Kessel und hier ein Brenner", stammelte Peppermint und versuchte eine Dampfmaschine an der Tafel zu skizzieren, als er von Louis auch schon unterbrochen wurde, "Bildchen malen ist Sache für den Kindergarten, wir sind hier in der Schule und da arbeiten wir mit der bildlichen Gestaltung des gesprochenen Wortes. Sechs, setzen!" Es wurden noch diverse andere Bärchen nach vorne zitiert, ohne dass es ihnen besser ergangen wäre. "Ihr wollt also offensichtlich nicht mitarbeiten, wahrscheinlich, weil ihr denkt, ihr wisst schon alles? Gut. Klassenarbeit!" Louis teilte die Hefte aus und liess den Rest der Stunde Klassenarbeit schreiben. Die kleinen Teddybären waren vollkommen geplättet, das war die schlimmste Unterrichtsstunde, die sie je erlebt hatten, doch es sollte noch schlimmer kommen.

Am nächsten Tag gab es die Klassenarbeiten zurück. "Gratuliere Floh, du hast die beste Arbeit geschrieben", sagte Louis und ging langsam auf Floh zu. "Fünf minus!" brüllte er und knallte Floh das Heft vor die Nase. Dann folgten nur noch Sechser, nicht selten mit dem Kommentar, dass es eine *Gnadensechs* sei, weil es eine Acht im Bewertungssystem nicht gäbe. "Es fehlt euch wirklich an allem, vor allem an Zucht und Disziplin!", schnautzte er die kleinen Teddies an, "schon allein wie ihr herumlauft, in den selbstgenähten Klamotten. Als Teddyschüler dieser Schule seid ihr eigentlich die Elite der Teddybären, was sich in entsprechender Kleidung widerspiegeln sollte und nicht in den Fetzen, die ihr tragt!" Traurig und deprimiert schauten die kleinen Teddies nach vorne, "ein Haufen jämmerlicher Versager seid ihr!" setzte Louis noch nach und jetzt endlich kullerten die ersten Tränen. Louis verliess das Klassenzimmer und ging auf direktem Wege zu Maisha. "Geh hin zu deiner Bande!" sagte er, "ich habe denen einen Lehrer hingelegt, den sie so schnell nicht vergessen werden! Was glaubst du, was die dich jetzt vergöttern werden."
 
Als Maisha am nächsten Tag zu Schule kam, standen die Teddybären stramm, bis auf die, die seinen Stuhl festhielten, damit er bei seinem Hopser nicht wegrutschen konnte. Andächtig lauschten sie jedem einzelnen seiner Worte und nahmen vorbildlich am Unterricht teil. Am Ende der Stunde kam dann die verzagte Bitte, Maisha möchte doch die Sechser, die sie bei Louis kassiert hatten, streichen. "Mach ich", antwortet Maisha und tat so, als würde er sie ausradieren, denn in Wahrheit waren gar keine eingetragen.

© by Martin A. Floessner
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