Der alte Ludwig
Es war das schlimmste Weihnachten aller Zeiten für Simone. Sie war am 6.Dezember gerade 18 Jahre alt geworden, als das Unglück passierte. Ihre Eltern kamen auf dem Heimweg von einer Weihnachtsfeier auf eisglatter Fahrbahn ins Schleudern und der schwere Jaguar prallte mit voller Wucht seitlich auf einen Betonpfeiler. Bei dieser Art Aufprall halfen auch die Seitenairbags nicht mehr und sie wurde schlagartig Vollwaise. Sie bewohnten zwar das alte Schloss, in dem auch ihre Grosseltern wohnten, sie fuhren einen teuren Jaguar, der jetzt jedoch nur noch ein Haufen Schrott war, aber sie waren alles andere als reich. Das Schloss wurde bereits vor Jahren vom Finanzamt gepfändet, nachdem der Grossvater mit seiner Firma pleite ging und der Grund, warum sie noch darin wohnen durften, war lediglich dem Wohnrecht auf Lebenszeit zu verdanken, das ihr Urgrossvater vor Jahrzehnten hatte ins Grundbuch eintragen lassen. Der Jaguar ihrer Eltern war der Firmenwagen des Vaters, der zwar einen sehr gut bezahlten Job mit eben diesem Firmenwagen hatte, aber der Löwenanteil seines Gehalts floss ebenfalls in des gierige Maul des Finanzamtes, da ihr Vater Mitinhaber der Firma ihres Grossvaters war. Nicht nur, dass sie ihre Eltern verloren hatte, sie stand trotz des vermeintlichen Wohlstands völlig mittellos da. Sie würde das Erbe ausschlagen müssen, da es nur aus Schulden bestehen würde und das Einzige was ihr blieb, wäre das Wohnrecht im Westflügel des alten Schlosses.

Nun war es soweit: Heilig Abend, alle hatten diese glänzenden Augen, nur ihr war zum Heulen zumute. Sie verkroch sich in die alten Kellergewölbe des Schlosses und öffnete eine uralte Flasche Rotwein, die seit vielen Jahren wohl in dem Kellerregal gelegen haben musste. Der Wein war schwer, aber sehr gut und er wärmte ein wenig von innen heraus. Als sie die Flasche zum zweiten Mal ansetzte, fiel ihr Blick auf die Lücke im Weinregal, von wo sie die alte Flasche herausgezogen hatte. Irgendetwas lag da im Regal, hinter den Flaschen. Neugierig stellte sie die Flasche ab und sah nach. Es war ein uralter Teddybär, 'zig Mal genäht und ein fehlendes Glasauge war durch einen Druckknopf ersetzt worden. Sie erkannte "ihren Ludwig" sofort wieder. Sie hatte ihn einstmals von Ihrem Vater bekommen, der ihn wiederum von seinem Vater hatte und der, ja der hatte ihn von ihrem Urgrossvater, dem sie heute das Wohnrecht verdankte. Die vielen Jahre waren nicht spurlos an Ludwig vorbeigegangen und so hatte ihre Mutter Ludwig eines Tages in den Müll geworfen. Als Simone damals, es war ebenfalls kurz vor Weihnachten, ihre Mutter nach Ludwig fragte, sagte sie nur, der abgegrabbelte Teddy sei nun endgültig hin gewesen und die Müllabfuhr hätte ihn bereits abgeholt. Heulend war sie damals aus dem Haus gerannt und fand die Mülltonnen noch voll vor. Die Müllabfuhr hatte damals wegen des starken Schneesfalls Verspätung gehabt und so "rettete" sie Ludwig aus der Mülltonne und hatte ihn hier im Weinkeller versteckt. Zu Weihnachten hatte sie damals einen neuen Teddy bekommen, aber der war eben nicht Ludwig.

Vorsichtig nahm sie nun den verstaubten Bären aus dem Regal. "Ludwig!", schluchzte sie, "mein Ludwig! Wir sind nun Vollwaisen geworden. Glücklicher Weise musst du ja nichts essen, denn Geld haben wir keines mehr." Ludwig sah sie mit seinem verbliebenen Glasauge an, denn mit dem Druckknopf konnte er nicht sehen. "Wo hast du denn den neuen Teddybären gelassen?" wollte Ludwig nun wissen. "Der? Das war so ein sündhaft teurer Designerbär, den hat das Finanzamt gepfändet." Ludwig schaute Simone in die Augen. "Und? Traurig?" Simone stutzte, "wegen des Bären? Das war doch bloss so ein Schickimickiteil ohne Seele. Gut zum Protzen sonst für nichts, mit dem wird das Finanzamt gewiss nicht glücklich!" Ludwig schien zu schmunzeln. "Dann will ich dir mal was erzählen. Mein erster Teddy-Papa, dein Urgrossvater, war ein weiser Mann. Er hatte mit jahrzehntelanger Arbeit ein kleines Vermögen aufgebaut und dieses Schloss erstanden. Dein Grossvater und auch dein Vater wollten das schnelle Geld und dein Urgrossvater ahnte bereits, wohin das führen würde. So hat er euch das Wohnrecht auf Lebenszeit eintragen lassen, bevor das Schloss an deinen Grossvater vererbt wurde. Aber er hat noch mehr getan. Er gab mir den Auftrag, nach einem Nachkommen Ausschau zu halten, der ein reines Herz hat, so wie Du. Schieb mal das Weinregal zur Seite!" Überrascht und neugierig schob Simone das schwere Regal zur Seite. Hinter dem Regal kam eine Tür zum Vorschein. Simone versuchte sie zu öffnen, aber sie war verschlossen. "Der Schlüssel hängt seit vierzig Jahren um meinem Hals" half ihr Ludwig schmunzelnd. Zaghaft nahm ihm Simone den Schlüssel ab und öffnete die Tür. Sie traute ihren Augen nicht, da war nicht nur der lange als verschollen geglaubte Familienschmuck, da lagen Goldbarren, Gold und Silbermünzen und ein original Rembrandt. "Wir sind eben nicht mittellos", lächelte Ludwig, "und nun lass uns Weihnachten feiern!"

© by Martin A. Floessner
Zurück
©My Little Miracles