Kimiaki
Eine ganze Zeit lang hatte Patty schon keinen Teddy mehr genäht, sie ging zur Schule, spielte mit ihren Freundinnen und von Zeit zu Zeit reiste sie mit ihrem Teddy in das Land der Fantasie, das wir ja schon als WOF aus anderen Geschichten her kennen. Doch heute bekam sie eine Mitteilung, dass es ihrer Freundin Monika gar nicht so gut gehen würde. "Monika, du lernst es wohl nie", seufzte Patty zu sich selbst, denn Monika war eine Seele von einem Menschen, die immer nur an Andere dachte und sich selbst und ihre eigene Gesundheit dabei wie so oft vergass. Patty hatte ihr ja schon einmal ein Bärchen als Aufpasser geschickt, welches auf Monika acht geben sollte und sie daran erinnern sollte, sich selbst nicht zu vergessen. Patty hatte ihm damals einen Engelsflügel um den Hals gehängt und ihm genaue Anweisungen gegeben, aber er war wohl mit dieser Aufgabe überfordert. Patty konnte es ihm noch nicht einmal übelnehmen, denn auch Teddybären sind schliesslich nur auf das Wohl ihrer 'Besitzer' bedacht und stellen sich selbst dabei zurück. Schwierig also, jemanden von etwas abzuhalten, was man selber praktiziert. Also entschloss sich Patty, einen weiteren Bären zu schicken, sodas sie diese schwierige Aufgabe nun zu zweit erledigen könnten.

Wieder einmal packte Patty ihr Nähkästchen aus und begann einen weiteren Teddybären zu nähen. Am Ende bekam auch er wieder einen goldenen Engelsflügel um den Hals gehängt und dass es wieder einmal ein kleiner Wonneproppen geworden ist, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Nach dem üblichen Blick in die Augen, gab Patty ihm noch einige Anweisungen mit auf den Weg, bevor der kleine Teddy, den sie 'Kimiaki' nannte, die grosse Reise antrat.

Voller Ungeduld wartete Patty nun täglich auf die Rückmeldung von Monika, dass der kleine Kimiaki gut bei ihr angekommen sei, denn es war ja noch ein ganz kleiner und unerfahrener Teddy und hatte bestimmt grosse Angst, so ganz alleine auf so eine grosse Reise in einem Postpaket zu gehen. Patty fiel ein riesengrosser Stein vom Herzen, als sie einige Tage später die Nachricht von Monika erhielt, dass Kimiaki gut bei ihr angekommen sei und sie vor Freude geweint hatte. Der erste Schritt war somit getan, doch für Kimiaki fing hier die 'Arbeit' erst an, denn er hatte ja eine ihm aufgetragene Aufgabe zu erfüllen und die war, wie wir ja bereits erfahren haben, alles andere als leicht für einen Teddybären.

Viel Zeit zum Ausruhen von der Reise bekam Kimiaki nicht, denn er war noch nicht aus dem Paket entstiegen, als er schon von Patty's erstem Bären, Shigeki, begrüsst wurde. Nachdem die beiden Teddy's ihre Erlebnisse der Postreise ausgetauscht hatten und Kimiaki ihm von den neuesten Ereignissen in Patty's Leben berichtet hatte, begann Shigeki von der Problematik ihrer Aufgabe bei Monika zu erzählen. "Sie ist herzensgut", begann Shigeki seine Erzählung, "sie bürdet sich Aufgaben und Lasten auf, denen sie eigentlich gar nicht gewachsen ist, aber sie ist erst dann zufrieden, wenn sie Anderen helfen kann und sie glücklich sieht. Freude schenken ist das Elexier, dass sie zum Leben braucht, aber sie merkt dabei nicht, wie ihre Kräfte schwinden und wird oft krank dabei, weil sie sich wieder vollkommen übernommen hat. Ich habe wie oft versucht, auf sie einzureden, aber es kam nur ein 'jaja, du hast ja Recht, ich werde, wenn ich wieder gesund bin kürzertreten.' Von wegen, sage ich dir, sie ist noch nicht wieder richtig gesund, da geht es gerade wieder von vorne los. Sie hätte als Teddybär geboren werden sollen!" Shigeki steigerte sich förmlich in die Erzählung hinein. "Weisst du", fuhr er fort, "wenn es wenigstens ein Geben und Nehmen wäre, wie es bei Menschen eigentlich sein sollte, aber sie gibt ja nur. Egal, wer Hilfe braucht, sie ist da. Jetzt ist es Oma Huber, die arme Frau war schon die ganze Zeit etwas klapprig und jetzt ist sie auch noch gestürzt. Klar, wer da die Einkäufe und das Essen macht, wer da die Krankenschwester spielt usw. Es ist ja in Ordnung, dass der Frau geholfen wird, Oma Huber ist wirklich eine ganz liebe Oma, aber nicht wenn man selbst kurz vor dem Zusammenklappen ist! Die grantige Schlappmeierin könnte ja schliesslich auch mal was tun!"

Kimiaki schnaufte erst einmal durch. Wie konnte ein so kleiner Teddy wie Shigeki nur so ununterbrochen losplappern? "Wer, bitte schön, ist denn nun um alles in der Welt die grantige Schlappmeierin?" fragte Kimiaki schliesslich, denn auch wenn ihm diese Informationsflut jetzt doch etwas zuviel war, er musste möglichst schnell möglichst viel erfahren, denn Monika's Gesundheitszustand war alles andere als gut und es galt, so bald als möglich, zu handeln. Shigeki erklärte ihm, dass Trude Schlappmeier, genannt 'die grantige Schlappmeierin', eine Frau aus dem Ort sei, die nach dem tragischen Tod ihres Mannes völlig verbittert sei. Egal, was geschieht, sie mäkelt daran herum. Wenn die Sonne scheint ist es zu heiss, wenn es bewölkt ist, dann ist es zu kalt. Schenkt man ihr etwas zum Geburtstag, ist es Geldverschwendung, schenkt man nichts ist man ein Geizknochen. Diese Frau ist einfach nur negativ und jeder hier im Ort meidet sie, jeder, ausser Monika. Als die Schlappmeierin sich den Fuss gebrochen hatte, war Monika zur Stelle. Zum Arzt fahren, einkaufen, das ganze Programm. "Nunja,  die Schlappmeierin wäre wirklich nicht die richtige Vertretung", gab Shigeki zu, "ist mir in meinem Übereifer nur so rausgerutscht, aber es gibt ja noch Andere, die auch mal helfen könnten!"

Kimiaki überlegte kurz, denn irgendwie hatte er das Gefühl, die Schlappmeierin wäre gar nicht so ungeeignet. Es war Shigeki zwar nur so 'rausgerutscht', aber wenn einem Teddy etwas rausrutscht, dann ist es stets eine Überlegung wert. "Ich denke", sagte Kimiaki schliesslich, "deine Idee mit der Schlappmeierin könnte klappen!" Shigeki war sichtlich überrascht, "die grantige Schlappmeierin?" "Psssst!", zischte Kimianki, "Monika kommt gerade!" "Na, ihr habt euch ja offensichtlich bereits angefreundet", stellte sie mit einem Lächeln fest, "hab ich mir schon gedacht, ihr stammt ja aus der gleichen Nadel. Da will ich euch auch gar nicht weiter stören. Ihr habt euch sicher noch jede Menge zu erzählen und ich werde mir erst mal einen starken Espresso kochen und dann für Oma Huber einkaufen gehen." Monika wollte gerade in die Küche gehen, um sich den Espresso zu bereiten, als Kimiaki sie aufhielt. "Das solltest du lieber nicht tun!" sagte er. Monika sah den neuen Teddy mitleidig an, nahm ihn auf den Handteller und sagte: "Jetzt fang du nicht auch noch an. Irgend jemand muss sich doch um die arme Oma Huber kümmern." "Richtig!", stellte Kimiaki fest, "Jemand! Und zwar jemand, der gesundheitlich dazu in der Lage ist. Wenn du zusammenbrichst, ist euch beiden nicht geholfen. Abgesehen davon, wer dich dann versorgen soll, bleibt dann die Frage wer sich dann um Oma Huber kümmert!" Der kleine Teddy hatte gar nicht so Unrecht, sie hatte sich selbst schon des öfteren genau diese Frage gestellt, aber immer wieder verdrängt. Auf jeden Fall konnte sie Kimiaki in diesem Punkt beim besten Willen nicht widersprechen und so musste sie schliesslich Farbe bekennen. "Stimmt schon, aber wer soll das machen? Oma Huber hat doch niemanden mehr!" "Wie wäre es", Kimiaki zog die Worte bewusst theatralisch in die Länge, "mit der Schlappmeierin? Soweit ich informiert bin, schuldet sie dir noch einen Gefallen!" Monika fiel bei diesem Vorschlag alles aus dem Gesicht. Ausgerechnet die Schlappmeierin, da kann man auch gleich den Bock zum Gärtner machen. "Das macht die nie", warf sie ein, "und wenn, dann kann man das Oma Huber nicht antun!" Teddybären haben ja bekanntlich ein sehr sanftes Gemüt, aber jetzt wurde Kimiaki doch leicht zornig. "Wenn die Frau so schlecht ist, wie du jetzt tust, warum hast du ihr dann damals geholfen? Ist die Frau von Geburt an schlecht? Wenn ja, was für ein Trottel von Mann ist dann auf sie hereingefallen? Die Frau ist verbittert, weil sie ihren Mann und damit den Sinn am Leben verloren hat. Auch Oma Huber hat ihren Mann verloren, ist aber nicht verbittert, dafür aber hilflos. Die beiden Frauen haben einiges gemeinsam und das, was sie nicht gemeinsam haben, das kann sich prima ergänzen!" Auf diesen Gedanken war Monika bis dahin noch gar nicht gekommen, aber der kleine Teddy könnte mit dieser Vermutung durchaus Recht haben. Wie man allerdings die grantige Schlappmeierin, wie sie im ganzen Ort genannt wurde, dazu bewegen sollte, das war ihr noch immer nicht ganz klar. "Gehen wir einmal davon aus, dass du mit deiner Theorie richtig liegst", entgegnete Monika, "wie sollen wir die Schlappmeierin dazu kriegen, darauf einzugehen?" "Das bekommen wir schon hin!", freute sich Kimiaki, dass Monika den Vorschlag zumindest einmal in Erwägung zog und der erste und wichtigste Schritt somit getan war. "Wie gesagt, sie schuldet dir ja wohl noch einen Gefallen und da du für sie da warst, als sie hilflos war, wird sie dir den Gefallen unmöglich abschlagen können. Wenn du zu der Schlappmeierin gehst, nimmst du uns in deiner Tasche mit, denn wir sind beide mit positiver Energie aufgeladen und eben diese wird den Rest bewirken. Vertraue uns!"

Wer A sagt, der muss auch B sagen und was blieb Monika jetzt anderes übrig, als ihre zwei Bärchen einzustecken und zur Schlappmeierin zu gehen? Weit musste sie nicht laufen, denn die Schlappmeierin wohnte direkt auf der gegenüberliegenden Strassenseite, dennoch fiel ihr der Weg sehr schwer. Es war weder die Entfernung, die am allerwenigsten, noch ihre Schwäche, es war dieses ungute Gefühl, das sie begleitete. Kimiaki hatte zweifelsfrei Recht, das sah sie genauso, nur ob das auch die Schlappmeierin so sehen würde?
Mit einem dicken Kloss im Hals trug Monika schliesslich der Schlappmeierin ihr Anliegen vor. Kimiaki und Shigeki versuchte unterdessen aus der Tasche heraus soviel positive Energie wie möglich zu versprühen und hatten damit auch, zumindest bedingt, Erfolg. "Was soll ich sagen?" sprach die grantige Frau schliesslich und ihr Widerwille war dabei nicht zu überhören, "ich kann ja wohl schlecht ablehnen, schliesslich schulde ich ihnen noch einen Gefallen. Danach sind wir aber quitt! Dann ist Schluss mit Babysitting im Altersheim!"
Monika bereute es zutiefst, auf ihre Teddybären gehört zu haben und malte sich in den schlimmsten Farben aus, was die arme Oma Huber jetzt alles ertragen musste.

Stundenlang sass sie am Fenster und wartete darauf, dass die Schlappmeierin von ihrem Auftrag zurückkehrte und mit jeder Stunde die verging, wurde ihr ungutes Gefühl und die Nervosität schlimmer. Nach mehr als sechs Stunden unerträglichen Wartens, kam die Schlappmeierin endlich zurück. Fieberhaft überlegte Monika nach einem Vorwand, um zu ihr herüber zu gehen und nachzufragen, wie es gelaufen sei, doch es fiel ihr kein passender Vorwand ein. Es war aber auch gar nicht notwendig, denn in diesem Moment läutete die Schlappmeierin bereits an ihrer Tür. Zitternd vor Aufregung öffnete Monika die Tür und eine völlig verwandelte Frau stürmte herein. "Also, ich hätte sie ja am liebsten vor Wut zerrissen, als sie mich zu der alten Dame schickten", sprudelte sie los, "denn ich war ihnen ja einen Gefallen schuldig und konnte gar nicht anders, aber ich sage ihnen, das ist ja eine Frau, sage ich ihnen, also ich weiss gar nicht wo ich anfangen soll, also wir haben uns grossartig unterhalten und sie glauben ja gar nicht wie gut das tut, wenn man Anderen helfen und eine Freude machen kann, also auf jeden Fall hat mir Oma Huber erzählt, dass sie so gerne Pflaumenkuchen isst und ob sie es glauben oder nicht, ich hab da ein altes Familienrezept, ich werde gleich einen Pflaumenkuchen backen, oh, ich kann es kaum erwarten ihr den bei einer guten Tasse Kaffee zu servieren und zu sehen, wie sie sich freut und dann werde ich im Nachbarort, da gibt es ein Seniorenwohnheim, also da werde ich künftig ehrenamtlich helfen und sie ruhen sich jetzt erst einmal aus, um Oma Huber kümmer ich mich und um sie natürlich auch, dass sie wieder fit werden, sie sehen ja gar nicht gut aus und nein, das erzähl ich ihnen später, ich muss schnell nach Hause den Pflaumenkuchen backen und schönen Dank nochmal!" Monika hatte nicht den Ansatz einer Chance in diesen Wasserfall von Gerede einzugreifen und Kimiaki schnaufte nur: "Und ich hab mich über das Geplapper von Shigeki aufgeregt? Das war ja gar nichts gegen das eben. Wie kann man so einen Satz bringen, ohne einmal Luft zu holen?" Monika blickte auf ihre zwei Teddybären: "Das habt ihr toll gemacht. Jetzt kann ich mich tatsächlich erst einmal mit gutem Gewissen ausruhen und dabei habt ihr noch zwei andere Frauen glücklich gemacht. Das schaffen wahrhaftig nur Patty's Bärchen!" Kimiaki und Shigeki sahen sich zufrieden an und waren glücklich, endlich die ihnen aufgetragene Aufgabe erfüllt zu haben. Die grantige Schlappmeierin kennt heute niemand mehr. Wer sie einmal besuchen möchte, der frage im Ort nach 'de gude Trude'.

© by Martin A. Floessner
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