Musik verbindet Nationen
Wie bei den Menschen, gibt es auch bei den Teddybären verschiedene Rassen und Nationen und so geschah eines Tages im Teddydorf das Unvermeidbare: Ein Teddy einer fremden Rasse zog ein. Teddybären sind zwar von Natur aus sehr aufgeschlossen und tolerant, aber in gewisser Weise sind sie eben auch *bloss Menschen* und entsprechend war ihre Reaktion, als Khenan bei ihnen im Dorf auftauchte. Khenan war ein jamaikanischer Teddy mit Pfoten in Leopardenoptik, einer langen Rasterlocke und einer bunten Perlenkette um den Hals. Bei aller Toleranz, aber das war nun definitiv zuviel für den dorfältesten Teddy und er forderte Khenan auf, das Dorf wieder zu verlassen. Doch Khenan dachte gar nicht daran, wieder von dannen zu ziehen, er war hierher gekommen, um adoptiert zu werden, wie alle anderen Teddies auch und so fragte er dann den dorfältesten Teddy, wo denn in den Statuten des Dorfes stehen würde, dass fremdländische Teddybären nicht aufgenommen würden. Hier musste der Dorfälteste nun passen, denn diese Problematik hatte sich bis dato noch nie gestellt und so gab es auch keinen entsprechenden Passus in den Statuten. "Wer sollte denn einen Hippi wie dich adoptieren wollen?" fragte er aufgebracht, "du wirst uns bis zum Sankt Nimmerleinstag auf der Pelle hocken und so etwas Ausgeflipptes wie du es bist, das passt nun einmal nicht in unser zivilisiertes Teddydorf!" Khenan aber wollte adoptiert werden und da der dorfälteste Teddy mit keinem entsprechenden Hinweis in den Statuten aufwarten konnte, blieb er. Leicht waren die folgenden Wochen jedoch nicht für den kleinen Khenan, denn die sonst so aufgeschlossenen Teddies, als die wir sie bis heute kennengelernt hatten, zeigten sich nun von einer ganz anderen Seite. Beschimpfungen, wie: "Soweit ist es nun also schon gekommen, dass wir auch noch das Ausländerpack aufnehmen müssen", gehörten noch zu der harmlosen Art.

Eines Tages war dann das alljährliche Teddyfest angesagt, zu dem alle Teddybären, ausser Khenan natürlich und einem weiteren, der das Dorfgemeinschaftsbüro des Ältestenrates besetzt halten musste, eingeladen wurden. Traurig sass er in seiner Hütte, bis er sich fragte, warum er sich von dem Fest ausschliessen lassen würde. Es gab kein Gesetz, was ihm den Aufenthalt im Dorf verbot, ergo gab es auch kein Gesetz, dass ihm die Teilnahme an dem Fest verbieten könnte und Feste, ja das war es doch, wofür man in seinem Land lebte! Rum, Reggae und Lebensfreude, das war es doch, was durch seine Adern floss! Also machte auch er sich auf, das Fest zu besuchen.

"Was willst du denn hier? Du bist hier unerwünscht!" begrüssten ihn zwei Teddies, die ihn als erste entdeckten, unfreundlich. Khenan sah sich in der Runde um; da war eine kleine Kapelle, die dumpfsinnig vor sich hin dudelte und eine Horde Teddybären, die mehr oder weniger lustlos an ihren Wilderdbeersaft-Drinks herumnuckelte. "Hier?" antwortete Khenan nachdenklich, "hier will ich nichts. Ich suche das Fest." Irritiert sahen ihn die zwei Teddies an, "blind bist du Busch-Teddy wohl auch noch, oder wie? Du bist mitten drin!" Khenan wartete eine Pause der Kapelle ab, dann packte er sein Saxophon aus und begann einige Reggae-Rythmen zu spielen. Auch wenn der Kapellmeister seiner Kapelle "Aus! – Aus!- Aus!" deutete, sie konnte einfach nicht anders, als in die Rythmen mit einzusteigen. Die anderen Teddybären liessen erstaunt die Strohhalme aus dem Mund gleiten und wippten teilweise im Takt mit. "Was war denn jetzt das?" fragten einige Bärchen erstaunt, als Khenan und die Kapelle geendet hatten. "Das ist unsere Musik, sie spiegelt unser Leben wieder", erklärte Khenan, "die Sklaverei wurde zwar offiziell abgeschafft, tatsächlich haben wir jedoch lediglich die Fussfesseln gegen Fesseln des Geistes getauscht. In unserer Musik schafft der Bass die beruhigende Atmosphäre in die die Spannungswechsel des Reggae-Rythmus eingebettet werden. Durch die ständige Wiederholung entsteht diese gewisse Erwartungshaltung, die dann aber erst verzögert befriedigt wird. Unser Leben ist wie unsere Musik und unsere Musik ist unser Kommunikationsmedium." Jetzt fiel den Teddies alles aus dem Gesicht; dieser Busch-Teddy schien ja richtig gebildet zu sein und sie hatten ihn derartig beleidigt. Als ob es nicht schon schlimm genug wäre, was ihm und seinem Volk widerfährt.

Khenan hatte unterdessen etwas von seinem jamaikanischen Kaffee gekocht und ihn mit einem Schuss Rum aus Jamaika etwas verfeinert. "Das ist kein Alkohol, das ist Medizin", beruhigte er die Skeptiker, denn Teddybären trinken ja normal keinen Alkohol. Der Kaffee und die Reggae-Rythmen liessen das Fest zu einem der fröhlichsten werden, die das Dorf je erlebt hatte und ein Jeder beschloss für sich, in Zukunft netter zu Khenan zu sein und ihn in die Gemeinschaft aufzunehmen, als der Teddy auf dem Fest eintraf, der das Dorfgemeinschaftsbüro des Ältestenrates besetzt halten musste. "Ich habe gute Nachrichten für dich, Khenan, und natürlich auch für uns. Du bist adoptiert worden! Du wirst uns also wieder verlassen!"

Augenblicklich verstummte die Musik und es kehrte Totenstille ein. "Das sind keine guten Nachrichten", sagte schliesslich der Dorfälteste, "denn ich denke, wir hätten noch jede Menge von Khenan zu lernen." Ein stummes, andächtiges Nicken ging durch die Reihen. "Ich komm euch im Urlaub besuchen!" rief Khenan in die Menge, "und bis zu meiner Abreise lasst uns feiern!" Der dorfälteste Teddy klopfte ihm auf die Schulter, "das wollen wir tun und was deinen Urlaub angeht, da nehmen wir dich beim Wort! Kapellmeister!?! – Khenan übernimmt!" So wurde Khenan doch noch in die Gemeinschaft aufgenommen und ist im Urlaub stets ein gefeierter Ehrengast.

© by Martin A. Floessner
Zurück
©My Little Miracles