Georg alias Schorsch
Schweissgebadet wachte Michi auf. Er war durch seinen eigenen Schrei wach geworden, denn seit Monaten plagten ihn schon dieses Alpträume, die ihn jedesmal aus dem Schlaf rissen. Müde stapfte er in die Küche und bereitete sich eine Schüssel Corn-Flakes. Schlaftrunken machte er sich mit seinem 'Sehr-Frühstück' ins Wohnzimmer und schaltete das Frühprogramm vom Kinderkanal ein. Michi liebte Trickfilme, insbesondere Popey, weil dort die Bösen immer ordentlich Haue bekamen. Oft wünschte er sich, selbst einmal Popey zu sein und die bösen Jungs, die ihn immer verhauen mal eine richtige Tracht Prügel verabreichen zu können, aber das war eben bloss ein Traum, denn Michi hasste Spinat!

Tom bekam gerade mal wieder von Jerry einen Streich gespielt, als es an der Tür läutete. "Siehst du mal nach, wer das ist, Michi?", hörte er seine Mutter aus dem Schlafzimmer rufen, nachdem sie durch den laut aufgedrehten Fernseher mitbekommen hatte, dass Michi bereits wach war. "Das die Leute nie in der Werbepause bimmeln können!", brummelte Michi ärgerlich und öffnete die Tür. Es war Onkel Fred, kein wirklicher Onkel, aber Michi kannte den Postmann seit er denken konnte nur als 'Onkel Fred'. Onkel Fred lächelte Michi an und sagte: "Schau mal Michi, ich habe hier ein Päckchen für dich!" Michi stutzte, für ihn? Wer mochte ihm da wohl ein Päckchen geschickt haben? Neugierig riss er Onkel Fred das Päckchen aus der Hand und begann es sogleich neugierig aufzureissen. "Das ist aber ein niedlicher Teddybär", sagte Onkel Fred, als Michi den Teddy aus dem Paket gerissen hatte, und setzte seine Runde fort.

"Ja", sagte Michi mehr zu sich selbst, "niedlich ist er, aber er ist auch genauso ein Weichei, wie ich es bin. Schnuller um den Hals und mit der Pudelmütze ist es geradezu vorprogrammiert, verhauen zu werden." Der Teddybär hörte Michi schweigend zu und legte den Kopf schief. "So, meinst du?" fragte der Teddy, nachdem Michi ausgeredet hatte. Michi erschrak, ein Teddybär kann doch nicht sprechen? Ist das schon wieder der Anfang eines neuen Alptraums? "Ich bin kein Alptraum, dein schlimmster Alptraum wäre, wenn das Päckchen auf dem Postweg verloren gegangen wäre, aber jetzt mal zurück zu der Pudelmütze und dem Schnuller und schalt vor allem mal die Glotze ab!" Wenn die Eltern so mit ihm redeten, hatte er üblicherweise protestiert, aber bei dem Teddy parierte er und schaltete den Fernseher ab. "Danke", fuhr der Teddybär fort, "als erstes einmal sollte ich mich vorstellen, ich bin Georg, aber ich werde üblicherweise 'Schorsch' gerufen. Das du Michi bist, das weiss ich bereits und damit dürfte das Begrüssungspalaver abgehalten sein. Da dies ja nun geklärt ist, kannst du mir vielleicht erklären, warum man wegen einer Pudelmütze verhauen werden sollte." Michi überlegte kurz, dann versuchte er es dem Teddybären zu erklären: "So eine Pudelmütze sieht einfach lächerlich aus. Ich musste auch immer so ein Ding tragen und die anderen Jungs haben sie mir jedes mal vom Kopf gerissen, sich gegenseitig zugeworfen, so dass ich sie nicht zurückbekommen konnte und anschliessend haben sie mich dann verhauen." Eigentlich hätte Schorsch sich diese Frage auch schenken können, denn exakt diese Antwort hatte er erwartet, aber genau das war der Grund, warum er sie gestellt hatte. Er wollte, dass genau diese Antwort fiel. "Verstehe", sagte er, "und jetzt trägst du wahrscheinlich keine Pudelmütze mehr?" "Natürlich nicht!" antwortete Michi wie aus der Pistole geschossen. "Na das ist ja prima, dann wirst du ja auch seit dem nicht mehr verhauen, oder?" "Doch", antwortete Michi zaghaft, "sie verhauen mich trotzdem noch." "Aha, es ist nicht die Pudelmütze, es ist deren Feigheit, die sie in der Gruppe stark macht und die Pudelmütze oder irgendetwas anderes, x-beliebiges, wird als Grund an den Haaren herbeigezogen. Du setzt die Pudelmütze ab, weil sie es diktieren, du traust dich nicht mehr auf die Strasse, weil sie es diktieren, du..." "Schon gut", unterbrach ihn Michi, "was soll das Gerede?" Schorsch seufzte, hatte er es noch immer nicht kapiert? "Du lässt dich von ihnen mehr und mehr manipulieren, aber verhauen tun sie dich dennoch. Dann kannst du doch auch genauso gut du sein, oder?" Stimmt schon, Haue gibt es so und so, aber wenn das jetzt die Lösung sein sollte? "Popey müsste man sein; etwas Spinat durch die Pfeife gezogen und dann gibt’s Haue!" Schorsch schmunzelte, er hatte es zwar immer noch nicht ganz verstanden, aber der Weg war schon ganz gut. "Fast, Michi, fast!", bestätigte er, "Im Gegensatz zu den Jungen da draussen ist Popey alleine stark. Er vertraut auf sich und seinen Spinat. Vertraue nun du auch auf dich und deinen Teddy, mich!" Es war keine Zeit mehr für irgendwelche Diskussionen, denn Michi musste sich nun auf den Weg in die Schule machen. Auf den Weg, auf dem er, wie immer, auch heute bestimmt wieder verhauen werden würde. Er beschloss daher Schorsch mitzunehmen, damit er sich von der Ausweglosigkeit selbst überzeugen konnte. Er wollte gerade zur Tür hinausgehen, als Schorsch ihn aufforderte, seine Pudelmütze aufzuziehen. "Wirst schon sehn, was passiert", murmelte Michi resigniert und zog die Pudelmütze auf.

Sie brauchten nicht lange zu laufen, bis sie die Jungen auch schon hörten: "Seht, dort hinten ist Pudelmützen-Michi! Los, machen wir ihn fertig!" Michi lief der Angstschweiss den Rücken hinunter, "Da hast du es!" sagte er zu Schorsch, doch dieser ignorierte ihn einfach und kommandierte nur "Lauf!". Michi rannte los, so schnell er nur konnte, "Klasse Tipp. Wär ich alleine nie drauf gekommen, du bist mir vielleicht 'ne Hilfe!" Abermals ignorierte ihn Schorsch, "Tu so, als wärst du ausser Puste und lass sie langsam näher kommen." Der Teddy musste komplett verrückt sein, dachte sich Michi, aber da er das Tempo bis zur Schule ohnedies nicht halten könnte, gab er nach und tat so, wie es Schorsch empfohlen hatte. Der Teddy im Schulranzen warf einen kurzen Blick nach hinten und stellte erfreut fest, dass es alles nach Plan lief. Die Jungen folgten in Keilform, der Anführer ganz vorn, die anderen ein bis zwei Meter hinter ihm. Langsam holten sie auf und waren bis auf einige Meter an sie herangekommen. "Wenn ich es dir sage, bleibst du stehen, drehst dich um und haust dem Ersten direkt auf die Nase. Verinnerliche das, es muss quasi eine Bewegung sein, ok?" Was um alles in der Welt dachte sich der Teddy eigentlich, aber was hatte er für eine Wahl. "Jetzt!" brüllte Schorsch und Michi drehte sich um und schlug dem Anführer, der bereits direkt vor ihm stand, auf die Nase. Der Anführer stiess einen Schmerzenslaut aus und hielt die Nase nach oben, um das Nasenbluten zu stoppen. "Das hast du nicht umsonst getan! Los schnappt ihn euch!" Doch die anderen sahen nur das Blut aus der Nase des Anführers laufen und zogen es vor, das Weite zu suchen. "Siehst du? So geht das!", sagte Schorsch sichtlich zufrieden, "Gewalt ist zwar nicht die beste Lösung, aber manchmal hilft nichts anderes und so gewaltig war es ja auch gar nicht. Dein Klapps war schwächer als der eines Kindergartenmädchens und das es gleich zu Nasenbluten kam, verdanken wir der Kälte. Wirklich in die Flucht geschlagen hast du sie mit der Kraft deines Selbstvertrauens." Es stimmte, er hatte wirklich nicht fest zugeschlagen, aber mit Schorsch im Rücken fühlte er sich plötzlich unheimlich stark.

Am Abend setzte er Schorsch auf sein Kopfkissen, bevor er sich schlafen legte. "Es ist besser, wenn du in meiner Nähe bist, ich hab nämlich immer Alpträume", sagte er fast schüchtern zu dem Teddy, als wäre es eine Schande, wenn man schlecht träumt. "Keine Angst Michi", sagte Schorsch in einem beruhigend warmen Tonfall, "ich bin ein Guardian LiL-FuR, das bedeutet: Tag und Nacht beschützt er Dich, und drückt Dein Herz ganz fest an sich. Ich passe auch in der Nacht auf dich auf. Alpträume wirst du fortan nicht mehr haben." "Schön!" seufzte Michi, drückte den kleinen Bären ganz fest an sich und schlief ein. – Ohne Alpträume!

© by Martin A. Floessner
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