Die Hoffnung stirbt als Letztes
Es war Benjamin’s siebter Geburtstag, als ihn die Oma am Abend zu Bett brachte. "So", sagte sie zu ihrem Enkelchen, "und deinen neuen Teddybären setzen wir hier neben dein Kopfkissen. Wie heisst er denn eigentlich?" Benjamin sah die Oma mit genervtem Gesichtsausdruck an, "der hat keinen Namen", sagte er leicht ärgerlich, "der war bestimmt wieder so eine Schnapsidee von Papa. Ich bin doch schon sieben, da spielt man nicht mehr mit Teddybären!" Nach einer kurzen Pause fügte er ein "erzählst du mir eine Geschichte? Vielleicht eine von früher, als du noch ein Kind warst?" hinzu. Die Oma sah Benjamin mit einem verschmitzten Lächeln an, "aber Benjamin, du bist doch schon sieben! Da lässt man sich doch von seiner Oma keine Geschichten mehr erzählen." Benjamin erschrak sichtlich, denn damit hatte die Oma gar nicht so unrecht, aber auf der anderen Seite hätte er doch zu gerne jetzt einer ihrer Geschichten gelauscht.

"Na gut", sagte sie schliesslich in ihrem gutmütig warmen Tonfall, als sie Benjamin's erschrockene Augen sah, "ich erzähle dir jetzt einmal eine Geschichte von meinen zwei Teddybären. Dazu muss ich aber noch hinzufügen, dass Teddybären nicht dazu da sind, dass man mit ihnen spielt. Teddybären haben ganz andere Aufgaben, die so vielfältig sind, wie die Teddybären selbst. Aber kommen wir zu der Geschichte. Ich war noch ein ganz junges Mädchen, ungefähr in deinem Alter, nur dass meine Kindheit nicht so friedlich war, wie deine, sondern von ständiger Angst begleitet, denn es war Krieg. Nicht nur, dass wir nichts zu essen hatten, wir mussten auch immer und immer wieder in den Keller, wenn Fliegeralarm war. Wieviele Nächte hatten wir zusammengekauert im Keller gesessen und vor Angst und Kälte gezittert. Am nächsten Morgen haben wir dann jedesmal ein Bild der Verwüstung vorgefunden. Aber die feindlichen Bomber zerstörten nicht nur unsere Dörfer und Städte, sie zerstörten auch ein kleines, verstecktes Dorf, in dem die Teddybären lebten. So wie wir später, aber dazu kommen wir noch, mussten die Teddybären damals fliehen. Ich weiss nicht wie es kam, aber zwei dieser Teddybären landeten bei mir. Es waren Fritz und sein Sohn Paul. Ich hatte die beiden sofort in mein Herz geschlossen, doch als meine Schulfreundinnen die beiden entdeckten, haben sie mich ausgelacht, dass ich noch mit Teddybären spielen würde. Du siehst, auch sie waren der falschen Ansicht, dass Teddybären 'Spielzeuge' seien. Natürlich war mir das sehr unangenehm, aber ich wollte mich anderseits auch nicht eine Sekunde von den beiden trennen und so versteckte ich sie, wenn ich in die Schule ging, immer ganz unten in meiner Schultasche. Zuhause nahm ich sie dann wieder heraus und nahm sie, wohin ich auch ging, immer mit. Eines Nachts passierte es dann, es war wieder einmal Fliegeralarm und wir rannten hinunter in den Keller. Diesmal jedoch war es viel, viel schlimmer, als alle Male zuvor. Es war eine enorme Fliegerstaffel, die die ganze Stadt in nur einer Nacht in Schutt und Asche legte. Wir hatten alle wahnsinnige Angst, alle, ausser mir, denn ich sah meine zwei Teddybären an und sowohl Fritz als auch Paul lächelten mich an und so wusste ich, dass uns nichts geschehen würde. Ich will dir jetzt nicht erzählen, was wir am nächsten Morgen für ein Bild präsentiert bekamen, nur soviel: wir hatten überlebt!

Kurz vor Ende des Krieges, flog nochmals ein Bombergeschwader einen Angriff, als ich gerade in der Schule war. Wir sollten alle sofort in den Schutzraum, aber ich wollte nach Hause. Meine Lehrerin meinte, dass dies viel zu gefährlich sei und befahl mich in den Schutzraum, aber ich wollte nicht. Fragend blickte ich tief in meine Schultasche, wo ich Fritz und Paul versteckt hatte. Die beiden lächelten mich nur wieder an und so rannte ich los. In diesem Moment wusste ich, das mir nichts passieren würde. Ich kam auch wohlbehalten zu Hause an, wo ich dann erfahren musste, dass die Schule einen Volltreffer erlitten hatte. Es gab nur wenige Überlebende. Fritz und Paul hatten mir das Leben gerettet. Als der Krieg vorbei war, bauten die Menschen nach und nach die Stadt wieder auf, aber ich wollte irgendwie westwärts. Alle warnten mich, die Heimat zu verlassen und in eine ungewisse Zukunft zu ziehen, doch Fritz und Paul lächelten mir zu und ich ging in den Westen. Kurze Zeit später bauten die Besatzungsmächte eine grosse Mauer, die Deutschland, unüberwindlich, in zwei Teile teilte. Dank Fritz und Paul war ich in der freien, westlichen Hälfte, aber meine Eltern waren noch in der östlichen Hälfte 'eingesperrt'. Ich habe dann den Beruf der Schneiderin erlernt, einen Mann kennengelernt und geheiratet, aber immer wieder musste ich an meine Eltern denken, die dort im Osten eingesperrt waren. Ich werde sie wohl nie wieder sehen, seufzte ich dann eines Tages mal zu Fritz und Paul, doch die beiden lächelten. Ich fragte mich, was es da zu lächeln gab, aber das Lächeln liess mir keine Ruhe und so stellte ich Erkundigungen ein und erfuhr, dass ich sie, im Rahmen der Familienzusammenführung, nachholen konnte. Ohne meine zwei Bärchen wäre ich nie auf die Idee gekommen, diesbezüglich nachzuforschen. Jetzt waren wir wieder vereint und glücklich. Dein Opa und ich bekamen dann einen Sohn, deinen Vater, und auch ihm habe ich von Fritz und Paul erzählt. Wohl aus diesem Grund hat er dir zu deinem Geburtstag einen Teddybären geschenkt."

Benjamin sah seine Oma schuldbewusst an, das hatte er ja nicht gewusst und es tat ihm jetzt richtig leid, dass er so undankbar über den Teddybären war. "Hast du deine beiden Teddies noch?" fragte er zaghaft. "Sicher hab ich die zwei noch", sagte sie und holte zwei uralte Teddybären aus ihrer grossen Handtasche heraus. Sie waren im Laufe der Jahre schlenkrig und schmuddelig geworden, der Stoff war brüchig und deshalb viele Male geflickt, aber es waren nach wie vor 'ihr Fritz und ihr Paul', die sie nach wie vor überall mit hin nahm. Interessiert und fasziniert sah sich Benjamin die zwei Bärchen an, dann nahm er seinen Teddybären, drückte ihn und setzte ihn wieder neben sich an das Kopfkissen. "Ist wirklich lieb von Papa", meinte er dann, "aber er ist eben nicht Fritz und Paul, stimmt’s?" Die Oma nickte, denn damit hatte Benjamin schon recht. "Ich werde ihn Lucky nennen", sagte Benjamin, als er sich noch einmal kurz nach seinem Teddybären umgesehen hatte, "aber viel lieber hätte ich auch so 'besondere Bären', so wie deine!" Die Oma strich Benjamin über die Haare, "Fritz und Paul erbst du mal, wenn ich tot bin, solange sollen sie aber mich noch begleiten. Dass du auch zwei besondere Bärchen haben möchtest, habe ich mir schon gedacht und habe dir hier zwei mitgebracht." Sie zog zwei kleine, zottelige Teddybärchen aus der Tasche, "sie heissen Hope und Little Hope und sollen dir immer sagen, dass die Hoffnung als allerletztes stirbt." Benjamin strahlte über's ganze Gesicht, als er die zwei Bärchen in die Arme nahm. "Danke Oma, jetzt habe ich auch zwei ganz besondere Bärchen", sagte er und setzte die beiden in den Schoss von 'Lucky'.

© by Martin A. Floessner
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