Das indiskrete Tagebuch
Es war Petra's Geburtstag, sie hatte all ihre Freundinnen und Freunde eingeladen, als sie ihr Geburtstagspäckchen von Patty öffnete. Es kam ein kleiner, violetter Teddybär zum Vorschein, der, so konnte sie der beigefügten Karte entnehmen, Dean hiess. "Uiiiih! Wie süss!" rief sie entzückt aus, "das ist ja wirklich der goldigste Teddy, den ich je gesehen habe!" Neugierig war ihre Freundin Heike herangetreten, "ja, goldig ist er in der Tat, aber aus dem Alter, in dem man mit Teddybären spielt, bist du ja wohl eigentlich schon geraume Zeit raus, oder?" fragte sie mit einem provozierend, stichelndem Tonfall. Ärgerlich blickte Petra ihre Freundin an, "wer redet denn von spielen? Teddybären sind perfekte Zuhörer. Man kann ihnen einfach alles anvertrauen. An wen wendest denn du dich mit Dingen, über die du noch nicht einmal mit deiner besten Freundin sprichst?" Heike blickte Petra verständnislos an, gerade so als wenn sie fragen wolle, wie man nur so eine Frage stellen könne, schliesslich sei die Antwort doch wohl sonnenklar, "na, das schreibe ich alles in mein persönliches, geheimes Tagebuch", sagte sie. "Siehst du?" entgegnete Petra, "du *erzählst* es deinem Tagebuch und ich erzähle es eben meinem Teddy." Heike lachte ihrer Freundin höhnisch ins Gesicht, "ich bitte dich, Schätzchen, das kannst du doch nicht vergleichen! So ein Teddy ist nichts weiter, als ein totes Stofftier. Meinst du etwa, dass du von deinem Teddy eine Antwort erhältst?" Petra musste sich gewaltig zusammenreissen, um die Fassung zu behalten, "na wie gut, dass dein Tagebuch so lebendig ist und dir immer die passenden Antworten gibt", konterte sie. Heike stand da, wie ein begossener Pudel, irgendwie schien sie sich gerade ein klassisches Eigentor geschossen zu haben.

Petra ging unterdessen mit ihrem Teddy in ein Nebenzimmer. "Tagebuch...Pah! Das braucht nur mal der Falsche in die Hände zu bekommen, es zu knacken und schon sind deine intimsten Geheimnisse preisgegeben. Da lob ich mir doch einen Teddybären! Nur schade, dass ihr in der Tat nicht antworten könnt. Ihr seht so lebendig aus, warum könnt ihr dann nicht auch antworten?" Dean sah sie verträumt mit seinen schwarzen Glasaugen an, "wer sagt denn, dass wir nicht antworten können? Wir antworten doch nur deshalb nicht, weil wir nicht gefragt werden. Ihr Menschen heult euch doch nur bei uns aus; was sollen wir da antworten? Frag uns und wir werden auch antworten. Ausserdem, man muss ein Tagebuch nicht erst knacken, um dessen Inhalt zu erfahren." Erschrocken sah Petra ihren kleinen Teddy an, "du sprichst tatsächlich? Und wie meinst du das, man müsse ein Tagebuch nicht erst knacken, um dessen Inhalt zu erfahren?" Dean sah Petra mit einem zufrieden, verschmitzten Lächeln an, "sicher rede ich, wie du schon selbst erkannt hast, wir sehen lebendig aus, aber wir sehen nicht nur so aus, wir sind es. Jeder handgefertigte Teddy hat von seiner Schneiderin / seinem Schneider, eine Seele erhalten und jedes Wesen mit Seele lebt. Sei es Mensch, Tier oder eben Stofftier. Die Sache mit den Tagebüchern ist leicht erklärt, jeder Eintag wird mit entsprechenden Emotionen geschrieben, die sich auf das Tagebuch übertragen. Wir Teddybären haben eine entsprechende Sensibilität, diese Emotionen deuten zu können. Ich glaube diese Heike könnte mal eine kleine Lektion vertragen."

Petra hatte den nichts entgegen zu setzen und so war sie einige Tage später bei ihrer Freundin Heike zu Besuch. Was Heike jedoch nicht wusste, war, dass Petra ihren Dean in der Brusttasche ihres Blazers hatte. "Und du hast wirklich ein geheimes Tagebuch?" fragte Petra scheinheilig. "Sicher", antwortete Heike, "willst du es mal sehen?" Petra nickte und Heike kramte ihr Tagebuch, eines jener Tagebücher, die mit einem kleinen Schloss versehen waren, hervor. "Hier ist es, öffnen werde ich es natürlich nicht, ist ja wohl klar!" "Ist auch gar nicht erforderlich", entgegnete Petra und tat so, als ob sie ihr Ohr auf das Tagebuch hielt, tatsächlich aber lauschte sie dem, was Dean in ihrer Brusttasche ihr flüsterte. "Jetzt verstehe ich, warum du in letzter Zeit oftmals so gereizt und streitsüchtig bist", sagte sie schliesslich zu Heike, "du hast dich in einen Typ verknallt, der nächste Woche eine Andere heiratet?! Na, das ist ja wirklich heftig!" Heike sah ihre Freundin kreidebleich an. Sofort untersuchte sie das Schloss ihres Tagebuches, aber es war unversehrt. "Wo- woher...", stammelte sie, "woher weisst du das?" "Nunja, Tagebücher sind nun einmal nicht so diskret wie Teddybären. Ab und an haben sie so Anwandlungen, ihre Geheimnisse auszuplaudern." Heike warf noch einmal einen ungläubigen Blick auf ihr Tagebuch, bevor sie es kommentarlos ins Kaminfeuer warf.

"Ich werde mir wohl auch einen Teddybären zulegen", sagte sie nach einer Weile des Schweigens, "und was diesen Mistkerl angeht; das bleibt doch unter uns, ja?" Petra lächelte Heike freundschaftlich an, "natürlich bleibt das unter uns und was den Teddy betrifft, ich habe dir bereits Einen mitgebracht. Er heisst *Secret* und so wie sein Name, so ist er auch."

© by Martin A. Floessner
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