Constantin
"Heute ist ein ganz besonderer Tag", sagte die Mutter eines Morgens zu Patrizia, "wir haben das Geld von der Versicherung erhalten und auch schon ein neues Haus gefunden. Wir können schon nächste Woche einziehen. Endlich wieder Normalität im Leben und meinen Geburtstag können wir dann schon im neuen Haus feiern!" Patrizia freute sich mächtig über die guten Neuigkeiten, aber der Geburtstag der Mutter... was um alles in der Welt sollte sie ihr zum Geburtstag schenken?

Ratlos schlenderte sie wieder einmal zur Schutzhütte im Wald, wo sie auch Ulrike traf. "Näh ihr doch auch einen Teddy!", schlug Ulrike vor, nachdem ihr Patrizia von den Neuigkeiten und dem 'Geschenkproblem' berichtet hatte. "Einen Teddy als Geschenk für eine Erwachsene?", Patrizia war wenig begeistert von dieser Idee. "Na klar, warum nicht?", Ulrike liess nicht locker, "wir sind doch auch aus dem Alter raus und freuen uns trotzdem darüber und deine Mutter war doch so begeistert von deinem Bären!" Nun ja, das war schon einleuchtend, dachte sich Patrizia und da ihr auch keine bessere Idee kam, packte sie mal wieder ihr Nähkästchen aus und begann einen Geburtstagsteddy zu nähen. Constantin, so nannte sie den Teddy, entstand, wie auch die Bärchen zuvor mit sehr viel Liebe und natürlich auch am Ende mit dem schon traditionellen Blick in die Augen. Als sie ihr Werk so vor sich sah, war sie Ulrike wirklich dankbar für die Idee, denn Constantin war so goldig geworden, dass sich ihre Mutter bestimmt riesig über ihn freuen würde. Klar, nach WOF würde ihre Mutter gewiss nicht reisen, dafür haben Erwachsene einfach zu wenig Fantasie, aber ein goldiger Kuschelbär war er auf alle Fälle und darauf kam es an.

Die nächsten Tage versteckte sie das Bärchen so gut sie konnte, schliesslich sollte es eine Überraschung werden. Dann endlich der Geburtstag. Wie erhofft war ihre Mutter tatsächlich ganz entzückt von dem wuscheligen Teddybär, zumal er auch noch von ihrer Tochter mit viel Liebe handgenäht war. Als Patrizia am nächsten Morgen in die Schule ging, nahm die Mutter den Teddy vom Geburtstagstisch und betrachtete sich noch einmal gerührt das Werk ihrer Tochter. "Eigentlich bin ich ja nun wirklich aus dem Alter raus, wo man noch mit Teddybären spielt,"  lachte sie den Bären an, "aber ich weiss ja mit welcher Liebe dich Patty genäht hat und deshalb sollst du auch einen Ehrenplatz bekommen. Mal überlegen, wo stecke ich dich denn am besten hin?" Constantin legte den Kopf schief, dann sagte er: "Das ist jetzt aber nicht dein Ernst, oder? Mich irgendwo hinstecken? Ich bin ein Teddybär und Teddybären müssen ihre Besitzer beschützen! Das kann ich aber nur, wenn ich bei dir bin; also, du wirst mich überall mit hinnehmen!" Die Mutter sah den Bären erschrocken und erstaunt zu gleich an. "Patrizia?" – Keine Antwort. "Glaub es nur, dass ich es war, der mit dir redet!" antwortete Constantin einige Augenblicke später. "So ein Unsinn!", brummelte sie vor sich hin und setzte Constantin erst einmal in das Küchenregal, "Teddys können nicht sprechen und beschützen können sie auch nicht! Sie nehmen kleinen Kindern die Angst, das ist alles." Constantin drehte den Kopf beleidigt zur Seite, "So, meinst du? Dann brauche ich dich ja wahrscheinlich auch nicht zu warnen, dass du den Herd vergessen hast auszumachen?" Trotzig ging die Mutter an den Herd, "Nein dass brauchst du nicht, denn wenn ich den Topf vom Herd nehme, ist es wie ein Reflex, dass ich ihn gleich abschalte." Sie zeigte auf die Drehregler am Herd und – "Ei verflixt, ich habe tatsächlich vergessen, ihn abzuschalten. Das ist mir noch nie passiert!" Constantin grinste innerlich. Jetzt brauchte sie erst mal einen Schluck zur Beruhigung, was hätte da alles passieren können. Sie ging an das Küchenregal und goss sich ein Glas Weisswein ein, den sie immer zum Kochen parat hatte. "Ich würde nicht davon trinken", meinte Constantin und gab sich recht viel Mühe jetzt möglichst gelangweilt zu klingen. "Ach, würdest du nicht? Und warum nicht, wenn man fragen darf?" Das durfte doch wohl nicht wahr sein, jetzt sprach sie tatsächlich mit einem Stoffbären, aber wenigstens bekam dies ja hier niemand mit, das wäre ihr dann doch peinlich. "Weil du gut daran tätest, dich erst einmal zu vergewissern, welche Flasche du da aus dem Regal genommen hast", sagte Constantin teilnahmslos und gähnte demonstrativ, wenngleich er sich innerlich kaputt lachte. Verdutzt schaute die Mutter auf das Etikett, sie hatte genau daneben gegriffen und die Flasche Weissweinessig erwischt. "Aber du wirst schon Recht haben", Constantin viel es jetzt wirklich schwer noch immer gelangweilt zu wirken, "du brauchst keinen Teddy, der auf dich aufpasst. Wir sind eben nur Stoffbären." Vorsichtig nahm sie Constantin aus dem Regal, "Ist ja schon gut, kannst du mir noch einmal verzeihen?" fragte sie und drückte den Bären fest an sich. "Klar kann ich das!", rief Constantin freudig aus, "wir Teddybären verzeihen doch alles; und, was machen wir jetzt?" Die Mutter überlegte kurz, dann sagte sie: "Wir holen jetzt Patrizia von der Schule ab, aber vorher müssen wir noch etwas einkaufen."

Die Mutter parkte das Auto direkt vor der Schule, nahm ihren Constantin heraus und ging mit ihm zum Ausgang des Schulgebäudes, um dort auf Patrizia zu warten. Patrizia strahlte über's ganze Gesicht, als sie sah, dass ihre Mutter den Teddybären mitgenommen hatte. Am Auto angekommen verfinsterte sich jedoch Patrizia's Mine. "Meinst du nicht, dass du jetzt übertreibst? Aus dem Alter bin ich doch wirklich schon lange raus!" fauchte sie ihre Mutter an und zeigte ärgerlich auf den Kindersitz auf der Rückbank des Autos. "Doch nicht für dich, Dummchen!", lachte die Mutter und setzte Constantin in den Kindersitz und schnallte ihn an.

© by Martin A. Floessner
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