Der Klassik-Rocker
Amadeus sass, wie so oft, auf seinem Lieblingsplatz, einem alten Holzregal, rauchte eine seiner kostbaren Zigarren und dachte an längst vergangene Zeiten; Zeiten, in denen er der grosse Virtuose im Teddydorf war und alle andächtig seiner Musik lauschten. Lange war dies her, seine Musik wollte keiner mehr hören und so spielte er nun nur noch ab und zu auf seiner Geige, wenn er ganz alleine war und träumte von der Zeit, als auch er noch ein süsser, neuer Teddybär war und alle ihn drücken und knuddeln wollten. Bis vor kurzem hatte ja wenigstens der alte Ludwig noch seinem Spiel gelauscht, aber seit dieser nach Spanien ausgewandert war, war nun auch der letzte Zuhörer verschwunden.

Amadeus blickte auf das Regal gegenüber, auf dem zwei goldige Djin-Dji's sassen. Kurze Zeit später kam Patty in den Raum, packte die zwei Djin-Dji's in ein liebevoll dekoriertes Päckchen und adressierte es. "Die Zwei haben jetzt eine neue Mami und wandern aus", erklärte sie Amadeus, der traurig den Kopf senkte. Neu, süss, goldig und kaum dass sie fertig sind, auch schon adoptiert, dachte sich Amadeus und blickte an sich herunter. Eine rostige Schelle, 'zig Mal geflickt, die Zeichen der Zeit deutlich sichtbar, ja, so etwas hat in der heutigen Zeit eben keinen Platz mehr. Amadeus nahm einen letzten Zug aus seiner Zigarre, drückte sie aus und nahm sich die Geige zur Hand und fiedelte ein wenig vor sich hin, als Patty zurück kam. "So und nun zu dir, du gehst jetzt auch auf die Reise!" Er??? Wer sollte einen so alten, schlenkrigen Teddy wie ihn wohl wollen? Sicher, er freute sich, dass nun auch er ein richtiges Zuhause bekommen sollte, aber Skepsis und etwas Angst trübten seine Freude. "Du reist zu meiner Freundin nach München, da sie als Musikerzieherin gearbeitet hat, werdet ihr euch sicher klasse verstehen", sagte Patty und begann ihn zu verpacken. Diese Worte gaben ihm jetzt doch etwas beruhigendes, dennoch war er sehr nervös.

Nach zwei endlos erscheinenden Tagen war er endlich am Ziel angelangt. Er war ein Geburtstagsgeschenk und seine neue Mama, Irmgard, freute sich riesig über den kleinen Teddybären. "Amadeus heisst du also", sprach sie ihn an, doch fuhr sie ohne eine Antwort abzuwarten gleich fort, "na dann hab ich ja jetzt endlich wieder jemanden, mit dem ich Mozart spielen kann. Den will ja sonst heute keiner mehr hören." Wie wahr, wie wahr, diese Erfahrung hatte Amadeus auch schon gemacht. Irmgard fing an, ihm von ihrem Leben zu erzählen, von der Zeit als Musiklehrerin und später, als sie noch privat Klavierunterricht gab. Heute jedoch will jeder nur noch Hip-Hop auf dem Keybord spielen, für Klassik ist da kein Platz mehr. "Es ist alles so teuer geworden und eigentlich brauche ich dringend ein zusätzliches Taschengeld aus dem privatem Klavierunterricht, aber es will eben keiner mehr lernen. Ich hab noch einen Schüler, aber auch der geht nur widerwillig ans Klavier und ich befürchte, dass auch er bald abspringen wird." Jetzt war guter Rat teuer, aber irgendwie blieb Amadeus an dem Wort Klassik hängen. "Ich glaube", sagte er, "ich hab da eine Idee. Warten wir mal die nächste Klavierstunde ab."

Donnerstag Nachmittag war es soweit, Thorsten erschien zum Klavierunterricht und als er ein Stück von Tschaikowski spielen sollte, war das Fass bis zum Überlauf voll. "Ich hab keinen Bock mehr auf das Geklimper von diesem Scheichkotzki und seinen Kumpanen! Die sind schon ein paar hundert Jahre tot, es wird Zeit auch deren Klimperübungen zu begraben!" Jetzt musste Amadeus aber doch mal einschreiten, "Tschaikowski ist seit etwa 114 Jahren tot, nicht seit ein paar hundert und ausserdem ist klassische Musik die Basis der Musik, sowie überhaupt alles Neue nur durch das Alte existieren kann." Thorsten sah den Teddy fassungslos an, "was brauchen wir heute noch den verstaubten Kram von damals, wenn wir doch alles in moderner Ausführung haben?" Amadeus merkte, dass Thorsten das jetzt nicht verstanden hatte, "schau her, heute kauft ihr Bioprodukte und meint, damit voll im Trend zu liegen. Tatsache ist aber, dass der biologische Anbau die Urform des Ackerbau's und der Viehzucht war und diese nur heute 'wiederentdeckt' worden ist. Mit der Musik ist es genauso, das Klavier ist die Urform, das Keybord die elektronische Version, hat aber die klassische Klaviatur. Jetzt nimm mal dein Keybord, schalte es auf 'Klavier' und spiele das Stück von Tschaikowski." Thorsten gehorchte und klimperte eher lustlos die Noten herunter. "So, das reicht", unterbrach ihn Amadeus nach einigen Takten. Jetzt schaltest du mal den Rock-Rhytmus ein und spielst das Ganze noch einmal, nur etwas schneller!" Zu Thorsten's grosser Verwunderung klang das Ganze nun recht fetzig. Diverse Komponisten wurden nun durchprobiert, mal mit Panflöte und Samba-Rhythmus, mal E-Gitarre im Disco-Fox-Rhythmus. "Im 'Neudeutschen' nennt ihr das 'Covern', das System ist aber immer das Gleiche und Basis ist stets ein Erfolgstitel, der inzwischen 'out' ist und einfach nur noch mal 'aufgepeppt' wird."

So fand Thorsten wieder Gefallen am Klavierunterricht, zu Hause komponierte er dann seinen Klassik-Rock. Inzwischen ist Thorsten in den Münchner Szenelokalen ein begehrter und stets auf Monate ausgebuchter Musiker. Wer was auf sich hält, nimmt seitdem bei Irmgard Klavierunterricht. Aber Abends, da spielen Irmgard und Amadeus für sich die 'Originalversionen'.

© by Martin A. Floessner
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