Sweemi's Abschieds-Party
Sweemi's Aufenthalt im spanischen Teddydorf neigt sich dem Ende und das gesamte Dorf plante ein grosses Abschiedsfest in der neuen Teddydisco. "Es war schön, dass du hier warst", leitete der alte Ludwig die Abschiedsrede ein, "und wir haben doch auch einiges aus deiner Vergangenheit lernen können. Aber ich denke, dass auch du einiges gelernt hast. Im Prinzip ist auch ganz einfach. Wir müssen einfach nur nach dem Guten streben und das Böse bekämpfen. Das ist auch der Grund, warum wir nicht jeden Teddy zu uns in das Dorf lassen. Wir achten peinlich genau darauf, dass es zum Einen besondere Teddys sind, zum Anderen müssen es aber auch gute Teddys sein. Darauf solltet ihr vielleicht auf eurem Planeten auch achten. Dann kann eigentlich nichts mehr schief gehen."

Sweemi legte die Stirn in Falten. So einfach, wie es der alte Ludwig behauptete, war es nun auch wieder nicht. "Ich denke da an die Geschichte *Am Ende des Regenbogens*, die ich bei euch in der Bibliothek gelesen habe. Richtig oder Falsch, gut oder böse ... ein verdammt dünner Grat der dazwischen liegt und oft noch nicht einmal klar definierbar. Ich habe deshalb auch Barny zu dieser Party eingeladen und ..." Sweemi wurde entsetzt vom gesamten Ältestenrat unterbrochen, "bist du von Sinnen? Wir freuen uns, dass du hier bist und du geniesst wirklich unsere volle Gastfreundschaft, aber das gibt dir nicht das Recht, dich in die Belange unseres Dorfes einzumischen. Dieser Teddy wurde von uns aus gutem Grund abgelehnt. Er ist ganz klar ein böser Teddy und hat somit in unserem Dorf nichts verloren. Los Barny, verschwinde und lass dich hier nicht mehr blicken!"

Die Situation drohte zu eskalieren und Henry nahm schnell das Mikrofon der Disco in die Hand, um sich Gehör zu verschaffen. "Jetzt erst einmal ruhig Blut! Sweemi hat als Erklärung eine Geschichte angeführt und ich bin mir sicher, dass er sich etwas dabei gedacht hat, als er den Barny eingeladen hat. Ich kenne die Geschichte von dem Regenbogen zwar nicht, aber ich werde sie morgen gleich mal in der Bibliothek lesen. Barny soll also ein böser Teddy sein. Dann erklärt doch zunächst einmal, wie ihr darauf kommt und Sweemi erklärt uns im Anschluss, warum er einen vermeintlich bösen Teddy eingeladen hat." "Das ist doch ganz offensichtlich, dass er böse ist", rief sogleich ein Mitglied des Ältestenrates, "er hat eine Nase, in Form einer Fledermaus! Er ist ganz eindeutig ein Vertreter der dunklen und bösen Seite. Je schneller er verschwindet, desto besser." Henry sah den Teddy an. Es stimmte, er hatte tatsächlich eine fledermausförmige Nase. Die Entscheidung vom Ältestenrat konnte Henry gut nachvollziehen, denn er dachte ähnlich und hätte den Barny auch abgelehnt. "Dem möchte ich gerne zustimmen. Sweemi, warum um alles in der Welt hast du den denn nun zurück geholt?"

Sweemi griff sich ein Mikrofon und begann mit seiner Erklärung: "Barny hat lediglich eine Nase in Form eine Fledermaus. Nicht mehr, nicht weniger. Ihn deswegen schon gleich als *böse* abzustempeln ist nicht besonders tolerant und vor allem absolut Teddy-untypisch. Aber gut; bleiben wir bei der Fledermaus. Wieso böse? Was in die Fledermaus hinein interpretiert und hinein symbolisiert wird, ist nichts als Unfug. Es gibt um die 900 Fledermausarten weltweit. Nur drei Arten sind sogenannte Vampirfledermäuse. Aber auch die Vampirfledermäuse machen nichts anderes, als Pferdebremsen, Moskitos, Zecken usw. Sie ernähren sich vom Blut anderer Tiere, nur mit dem Unterschied, dass Bremsen, Moskitos etc. zwar als lästig, nicht aber als böse bezeichnet werden. Die vermeintlich böse Fledermaus hingegen befreit uns durch ihr Fressverhalten von einer Unmenge an Insekten. Ein weiterer Aspekt ist, dass die Fledermäuse hochsoziale Tiere sind. In einer einzigen Höhle in Texas leben zum Beispiel 20 Millionen Fledermäuse. Bevor der Mensch Fledermäuse als *böse* bezeichnet, soll er erst einmal versuchen, mit 20 Millionen anderen Menschen sozialverträglich zusammen zu leben. Zum Schluss möchte ich dann noch darauf hinweisen, dass technische Errungenschaften, wie Echolot, Sonarsystem, medizinisches Ultraschall etc. nicht existent wären, hätte man es nicht von dem Vorbild der Fledermaus abkupfern können."

Der alte Ludwig dachte angestrengt nach und auch seine Ratskollegen grübelten andächtig über Sweemi's Worte. "Du hast mit deinen Argumenten gewiss Recht", gestand der alte Ludwig schliesslich ein, "aber nichts desto Trotz musst du zugeben, dass eine solche Nase einfach provozierend ist und bleibt." Sweemi nickte zustimmend, "richtig, gebe ich auch gerne zu. Aber auch du musst doch wohl zugeben, dass die Menschen genauso verschieden sind, wie die Teddybären. Eines jedoch haben alle Menschen gemeinsam: richtig nachdenken tun sie erst dann, wenn sie in irgendeiner Form provoziert werden. Die Fledermaus wird gerne mit der Schattenseite und den Mächten der Finsternis in Zusammenhang gebracht und eure Argumente sind daher absolut richtig. Folgt ihr jedoch meiner Argumentation, so liege ich absolut richtig. Wir sind wieder bei der Geschichte *Am Ende des Regenbogens* angekommen. Es gibt kein absolutes Richtig und Falsch. Es kommt einfach nur auf den Standpunkt an und genau das solltet ihr bei eurer Entscheidung berücksichtigen. - Also?" Ludwig dachte einen Moment lang über Sweemi's Worte nach, ehe er antwortete: "Also, ich denke, Barny sollte unbedingt mitfeiern."

© by Martin A. Floessner
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